Die Landesausstellung „Eiszeit – Kunst und Kultur“, die am Donnerstag in Stuttgart eröffnet wurde, ist eigentlich eine Tübinger Ausstellung: Die Hälfte der über 1000 Exponate stammen aus Grabungen der Uni Tübingen. Mit dabei: Die ältesten Kunstwerke der Welt. Sie bleiben Tübingen erhalten.
Stuttgart. Sie ist klein, dick, kopflos, hat einen viel zu üppigen Busen und ist total zerkratzt. Aber die „Venus vom Hohlen Fels“, die das Ausgrabungsteam des Tübinger Urgeschichtlers Prof. Nicholas Conard erst im vergangenen Jahr fand, wurde am Donnerstag schließlich nicht ihrer Schönheit wegen von Fotografen und Filmleuten umlagert. Sie ist das älteste Kunstwerk, das bisher gefunden wurde. Vor rund 40.000 Jahren hat sie ein Neandertaler geschaffen. Und das heißt, dass der Mensch spätestens vor 40.000 Jahren zu dem wurde, was er heute ist: Zu einem kulturellen Wesen.
Die „Venus vom Hohlen Fels“ ist deshalb, wie Conard bei der Ausstellungseröffnung in Stuttgart sagte, ein wichtiger Beweis für den Beginn der kulturellen Evolution. Und darum „weltweit wirklich wichtig für die Geschichte der Menschheit“.
Diese Venus ist nun zum ersten Mal öffentlich zu sehen. Sie steht in einer kleinen exponierten Vitrine, die sie sich mit der „Fanny aus Stratzing“, teilt, die mit ihren 32.000 Jahren bisher als die älteste figürliche Darstellung galt. In einer zweiten kleinen Vitrine sind das Mammut aus Elfenbein und das Vogelherdpferdchen ausgestellt, beides ebenfalls Funde der Tübinger Urgeschichtler.
Drumherum: Hunderte weiterer Exponate, die sonst in der Archäologischen Sammlung in Tübingen stehen. Oder auch nicht: „Etliche Sachen sind hier zum allerersten Mal zu sehen“, sagte Conard, der die Landesausstellung wissenschaftlich begleitet hat. Zum Beispiel die Flöte aus Knochen. Sie ist mit ihren 35.000 Jahren das älteste bisher gefundene Musikinstrument – und ebenfalls von Conards Team entdeckt, kurz nach der Venus.
Gut 500 der über 1.000 Exponate haben Tübinger Forscher ausgegraben, ein gutes Drittel der in Stuttgart zu sehenden Stücke sind sonst in Tübingen beheimatet. Und 20 der „Prachtfunde“, wie Conard sie nennt, stammen aus seiner 14-jährigen Arbeit als Leiter des Instituts für Ur- und Frühgeschichte. „Völlig überwältigend“ sei es für ihn, sagte Conard am Donnerstag strahlend, nun in Stuttgart alle Funde zusammen ausgestellt zu sehen, er sei „überglücklich“.
Die ganze Ausstellung sei „untrennbar von Tübingen“. Das soll sie auch bleiben. „Wir nehmen doch der Universität Tübingen ihre wertvollsten Schätze nicht weg“, sagte Veit Steinle vom Wissenschaftsministerium bei der Pressekonferenz, und Ministerpräsident Günther Oettinger bestätigte das später bei der offiziellen Eröffnung: „Für diese spektakulären und aufregenden Funde bleibt Tübingen der zentrale Ausstellungsort.“ Ein bis zwei der Originalstücke würden zeitweise ausgeliehen werden, auch an die Fundorte Blaubeuren und Niederstotzingen, sobald dort klimatechnisch geeignete Ausstellungsräume geschaffen worden seien. Was das Land im Übrigen finanziell unterstütze.
Conard versprach der Ministerpräsident, dessen Forschung und Grabungen weiterhin gut mit Geld auszustatten. Und er könne sich auch vorstellen, einmal mit einem Staatsgast zusammen die Ausgrabungsstätte zu besuchen. Das sei doch mal was anderes als ins Theater zu gehen.
Die Funde sind nicht nur der Mittelpunkt der Landesausstellung, sondern deren Anlass. Sie bedeuten, so Oettinger, für das Land mehr als weltweite Aufmerksamkeit: „Sie bezeugen vieles über die Herkunft der Menschen.“
Eiszeit – Kunst und Kultur
Die große Landesausstellung ist im eben frisch renovierten Kunstgebäude in Stuttgart (neben dem neuen Schloss, das Gebäude mit dem goldenen Hirsch auf dem Dach) zu sehen. Geöffnet hat sie bis 10. Januar 2010 dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr. Donnerstags bis Sonntags erklären Archäologie-Studenten, wie eine Grabung vor sich geht. Heute Abend um 21.50 Uhr zeigt das SWR-Fernsehen in seiner Reihe „Schätze des Landes“ einen Beitrag über die Landesausstellung, in dem Prof. Nicholas Conard Erhellendes zu den Funden sagt.