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Als Fritz Kuhn noch Fritzle war

Die Tübinger Jahre des künftigen Stuttgarter OB

Fritz Kuhn, am Sonntag zum Stuttgarter Oberbürgermeister gewählt, ist der erfolgreichste Grünen-Politiker, den Tübingen hervorgebracht hat. Aber die grüne Basis hat den Pragmatiker auch aus der Stadt vergrault, in der seine Karriere ihren Anfang nahm.

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Ulrike Pfeil

Absolute Mehrheit, wie jetzt in Stuttgart – für Fritz Kuhn nichts Neues: Bereits bei seiner ersten Nominierung zum Tübinger Landtagskandidaten 1983 erhielt der damals 28-jährige Linguistik-Doktorand 50 von 84 Stimmen. Schon damals bekannte er sich zu „Kompromissen und Reformen“. Vorsichtig rückte er vom „Rotationsmodell“ ab, das seinerzeit die grünen Parlamentarier noch dazu verpflichtete, nach zwei Jahren Nachrückern Platz zu machen. Kuhns Nachrückerin Annemarie Roth aus Reusten machte es ihm leicht: Sie sah sich nach der Halbzeit nicht in der Lage, das Mandat anzutreten. So erledigte sich das von selbst. Dabei war das „Rotationsmodell“ Kuhns Chance gewesen: Denn just wegen dieser fundamentaldemokratischen Forderung war der Tübinger Gründungs-Grüne Wolf-Dieter Hasenclever von seinem Landtagsmandat in Stuttgart zurückgetreten und hatte damit die Kandidatur für Kuhn überhaupt freigemacht.

Studentisch und etwas alternativ: 1984 besuchte das TAGBLATT den frisch gewählten ... Studentisch und etwas alternativ: 1984 besuchte das TAGBLATT den frisch gewählten Landtagsabgeordneten in seiner Klein-WG in der Tübinger Neckarhalde, mit Kohleofen, Plüschsofa, gusseisernen Stützen, Büchern in selbstgezimmerten Wandregalen. Der Jungpolitiker in handgestricktem Pullunder und ebensolchen Socken – und was sind das für ausgefranste Puschen an den Füßen? Archivbild: Nill

Die anstehenden Themen im Wahlkreis Tübingen waren: Hochwasserschutz im Bühlertal, Ammertalbahn, die neue B27 durchs Neckartal, das Nato-Tanklager in Bodelshausen; im Land unter anderem die Stationierung von atomaren Pershing-II-Raketen. In einer Fernsehdiskussion vor der Wahl ging Kuhn den Ministerpräsidenten Lothar Späth an: „Die Programme, die Sie gegen das Waldsterben fahren, sind in ihrer Dimension viel zu klein.“ Die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb anerkennend: „(Kuhn) mischte professionell mit.“ 14,9 Prozent der Stimmen holte er in in Tübingen – bis dahin grüner Landesrekord. Die Medien liebten ihn, den eloquenten, lässigen neuen Politikertyp. Lothar Späth übrigens, mit seinem Instinkt für politische Begabungen, schien immer irgendwie zu bedauern, dass Kuhn nicht in der Jungen Union war. Dieser tat erst unbeeindruckt. 1987 aber überraschte Kuhn seine Parteifreunde bereits mit Überlegungen, eine CDU-Minderheitsregierung unter Lothar Späth zu tolerieren – politische Zugeständnisse vorausgesetzt.

Kuhns Weg war typisch für die grüne Gründergeneration: Die Atomkraft bejahende Position der SPD verprellte damals viele kritische Sozialdemokraten wie ihn. Kuhn, der in Memmingen aufgewachsen ist, kam 1975, nach zwei Semestern Theaterwissenschaft in München, an die Tübinger Uni. Er studierte Deutsch und Philosophie, machte den Magister. Über die lokale Alternative Liste stieß er zu den Grünen, 1980 bereits wurde er Mitglied des Landesvorstands, seit 1983 verdiente er als Berater der grünen Landtagsgruppe etwas dazu, seine Themen: Medien und Hochschulpolitik.

Kuhn, den in Tübingen alle „Fritzle“ nannten, wohnte in der Neckarhalde 40; die „Traube“ in der selben Straße war sein Stammlokal, wo beim Bier politisch diskutiert, aber auch geblödelt wurde. Wenn einer zu theoretisch und langatmig polit-laberte, fuhr Kuhn mit der Frage dazwischen: „Wie hat der FC Bayern gespielt?“

Nach der Wahl pendelte Kuhn, wie es sich für einen Grünen gehörte, mit dem Zug in die Landeshauptstadt. Kaum im Landtag, wurde er Fraktionssprecher; sein Vorgänger war Winfried Kretschmann, der heutige Ministerpräsident. Der musste im Landtag 1984 bis 1988 wegen einer Nominierungspanne pausieren.

Kuhn hatte schon sein Etikett als „Realo“ weg, und es ärgerte die Fundamentalisten, dass neben ihm mit Gerd Schwandner und Rezzo Schlauch zwei weitere Vertreter des pragmatischen Flügels die Fraktionsführung dominierten. Politische Verantwortung auf Regierungsebene zu übernehmen, war für die Grünen noch kein aktuelles Thema, eine Koalition mit der SPD auch für Kuhn „schwer vorstellbar“. Zwei Jahre später forderte er seine Partei immerhin auf, darüber nachzudenken.

Tübingen, 1984: Die Grünen saßen überhaupt erst seit einem halben Jahr im Bundestag. Fritz Kuhn ... Tübingen, 1984: Die Grünen saßen überhaupt erst seit einem halben Jahr im Bundestag. Fritz Kuhn (Mitte) kandidierte erstmals für den baden-württembergischen Landtag, und es ging bereits darum, in welchem Bundesland und mit welchem politischen Partner die schwarz-gelbe Macht im Bund herausgefordert werden könnte. „Hessen, SPD und Grüne – Gegenwende zu Bonn?“ lautete die Frage an das Tübinger Podium im Kupferbau der Uni, mit (ganz rechts) dem späteren Außenminister Joschka Fischer als frisch gebackenem Bundestagsabgeordneten, dem grünen Ökosozialisten Thomas Ebermann von der Grün-Alternativen Liste (GAL) Hamburg (ganz links; er trat 1990 aus der grünen Partei aus), dem hessischen Landtagsabgeordneten Karl Kerschgens (links neben Kuhn) und dem damaligen Bundesvorstandsmitglied der Grünen, dem Tübinger Ali Schmeissner (rechts von Kuhn), einem Vertreter des „Fundi“-Flügels. Archivbild: Nill

Anfangs zeigte sich Kuhn, der den Bürgerinitiativen nahe stand, noch gelegentlich in aktiven Protestsituationen – so bei einer Besetzung des geplanten Daimler-Teststreckengeländes in Boxberg. 1987 rief er zum Boykott der Volkszählung auf und wurde dafür vom Tübinger Amtsrichter Eberhard Hirn erst nicht vergattert und dann doch (weil das Oberlandesgericht intervenierte) zu einer milden Geldstrafe verurteilt.

Zwar sah man Kuhn in Tübingen jetzt seltener, auch weil er wohlfeile „volksnahe“ Abgeordnetenauftritte bei Kindergarteneröffnungen und anderen Lokalterminen bewusst verschmähte. Aber nach Stuttgart zog es ihn privat vorerst nicht. „Ich könnte dort keinerlei emotionale Bindung aufbauen,“ gestand er dem TAGBLATT. „Es ist keine Stadt, in der ich leben wollte.“

Als die von „Fundis“ majorisierte Tübinger Basis nach drei Jahren signalisierte, dass sie ihn nicht ein zweites Mal aufstellen wollte, zog Kuhn sich schmollend zurück. Er wolle ja gar nicht Berufspolitiker werden, sagte er trotzig, und sprach vom „Enderlein-Syndrom“: Der linksliberale Tübinger FDP-Landtagsabgeordnete Hinrich Enderlein war von 1972 bis 1988 Berufs-Parlamentarier. Mit ihm verband Kuhn die Redefreudigkeit: Enderlein hielt in jener Legislaturperiode die meisten Reden, Kuhn die zweitmeisten. Mit ihm lieferte sich Kuhn im SCHWÄBISCHEN TAGBLATT auch eine hitzige Debatte über politische Handlungsmöglichkeiten in der Demokratie. Kuhns Eintreten für zivilen Ungehorsam provozierte wiederum den Tübinger Oberbürgermeister Eugen Schmid zu einem längeren TAGBLATT-Essay über politische Legitimität. „In Sorge“ war Schmid, weil er in Kuhns Äußerungen geradezu eine Art Öko-Faschismus heraufdämmern sah. Kuhn seinerseits hielt dem OB eine „überväterliche Attitüde“ und „Problemverleugnug“ vor.

Was ihn schließlich doch von Tübingen nach Stuttgart zog, war die Merz-Akademie, die dem rhetorisch versierten Doktoranden eine Fachhochschul-Professur für Kommunikation anbot. In seine Stuttgarter Wohnung auf dem Luginsland zog er mit seiner Lebensgefährtin, der ehemaligen Fraktionskollegin Waltraud Ulshöfer, seiner späteren Frau.

Lange hielt er nicht still: Bald gehörte er zu einer Gruppe, welche die Landespartei reformieren wollte, 1991 war er wieder im Landesvorstand. Mit den radikalen Tübinger Grünen hatte er es sich verscherzt. Es ging aber für Kuhn aus und gegen die Fundis, die der Partei nach und nach den Rücken kehrten.

Oberbürgermeister: Das hätte Kuhn vielleicht schon früher haben können, in Tübingen. Ganz heftig umwarben ihn die hiesigen Grünen noch einmal, als ein Nachfolger für den 1998 abtretenden Oberbürgermeister Eugen Schmid gesucht wurde. Kuhn nahm sich Bedenkzeit und sagte dann ab. Er hatte anderes vor.

22.10.2012 - 23:30 Uhr | geändert: 23.10.2012 - 07:12 Uhr

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