Waffenbesitzer geben Schießprügel ab
Die Knarren in die Tonne
So viele Bewaffnete wie in den letzten Monaten hat man lange nicht gesehen auf dem Landratsamt und den Rathäusern von Tübingen, Rottenburg und Mössingen: Deutlich mehr Waffenbesitzer als sonst geben derzeit ihre Knarren ab.
Jonas Bleeser
Kreis Tübingen. Von der Gaspistole bis zum Karabiner, vom Kleinkalibergewehr bis zur Weltkriegs-Offizierpistole – Schießprügel jeden Kalibers und jeder Größe landen derzeit auf den Schreibtischen der Kontrollbehörden. „Zur Zeit kommen viele Waffen rein“, sagt Rainer Letsche von der Stadtverwaltung Tübingen – in den vergangenen zwei Wochen allein bei ihm 35 Stück.
Den Trend bestätigen auch Letsches Kollegen aus den anderen Städten im Kreis: Bei Eugen Faiß vom Rottenburger Ordnungsamt landeten seit Ende Juli 26 Gewehre und 19 Pistolen, sein Mössinger Kollege Klaus Preisendanz zog im gleichen Zeitraum rund 52 Knarren aus dem Verkehr, dazu jede Menge Munition. Beim Landratsamt wurden 160 abgegeben.
Nach dem Amoklauf von Winnenden am 11. März wurde das Waffengesetz verschärft. Gleichzeitig gilt seit dem 25. Juli und noch bis zum Jahresende eine Amnestie für die Abgabe nicht gemeldeter, also illegaler Waffen. Bei den bislang abgegebenen sind das kreisweit etwa 20 Prozent.
Die illegalen Waffen haben wohl die wenigsten bei finsteren Waffenhändlern gekauft – etliche waren schon vor der Einführung der Meldepflicht 1973 legal gekauft oder weitervererbt worden, und die Besitzer scheuten oder versäumten den Gang aufs Amt. Wie viele davon kreisweit im Umlauf sein könnten, darüber gibt es auch bei der Polizei keine offiziellen Schätzungen.
Einer, der bereits vor der Amnestie eine illegale Waffe abgegeben hat, ist Egon Betz, der Pressesprecher des Landratsamts. „Von meinem Vater hab‘ ich damals einen Taschenrevolver geerbt – und der war nirgends eingetragen.“ Auch wenn Betz, früher Förster, heute Jäger, weitere Waffen besitzt: „Für den hatte ich keine Verwendung.“ Er vermutet, dass nun manche Waffenbesitzer die Gunst der Stunde nutzen: „Viele kriegen so ihre Altlasten los.“
Erbt man Waffen, die nicht gemeldet sind, kann man sie straffrei abgeben – das ging auch schon vor der Amnestie. Doch mit den Verschärfungen des Waffengesetzes nach den Amokläufen von Erfurt 2003 und Winnenden 2009 ist der Anreiz dazu gestiegen. Denn wer Papas Pistole behalten will, für den wird es teuer. Reichte früher ein abgeschlossener Holzschrank, muss man heute einen zugelassenen Waffenschrank entsprechender Sicherheitsstufe nachweisen.
Die kosten rund 200 Euro aufwärts. „Bei Kleinkaliberwaffen ist meist der Schrank schon teurer als die Waffe selbst“, sagt Eugen Faiß. Und ist man kein Jäger, Sportschütze oder eingetragener Sammler und hat also keine Waffenbesitzkarte, dann müssen die Waffen von einem Büchsenmacher blockiert werden. Das kostet nochmal etwa 200 Euro – pro Lauf.
Dazu kommt: Seit Juli dürfen die Ämter auch unangemeldet zur Kontrolle vorbeikommen. Vergangene Woche erhielten kreisweit 21 Waffenbesitzer amtlichen Besuch. Lagerten sie ihr Schießwerkzeug beispielsweise nicht getrennt von der Munition, müssen sie die vorschriftsmäßige Unterbringung nun innerhalb einer Frist nachweisen – oder ihre Waffen abgeben.
Ob billige Gaspistole oder teures Weltkrieg-Sammler-Stück – sind sie in der Hand der Behörden, wird mit keiner der Waffen mehr geschossen. Es sei denn, es gibt Hinweise, dass sie bei einem Verbrechen benutzt worden sein könnte. Dann wird sie kriminaltechnisch untersucht.
Ansonsten werden die Schießprügel beim Regierungspräsidium gesammelt und anschließend vom Kampfmittelbeseitigungsdienst in Böblingen vernichtet. Die Munition wird in einer Anlage erhitzt, dabei abgeschossen und unbrauchbar. Dann stecken die Spezialisten Pistolen und Gewehre in große Feuer-Tonnen. Sind die Schäfte aus Holz oder Plastik abgebrannt, werden die Metallteile eingeschmolzen — und das wird am Ende recycelt.
Hier wird man seine Waffen los
Landratsamt Tübingen, Abteilung Ordnung, Wilhelm-Keil-Straße 50, Franziska Steinmetz. Telefonnummer: 0 70 71 / 20 73 11 5
Stadt Tübingen, Ordnung und Gewerbe, Schmiedtorstraße 4, Rainer Letsche. Telefonnummer: 0 70 71 / 204 22 33
Stadt Rottenburg, Ordnungsamt, Hinter dem Rathaus, Eugen Faiß Telefonnummer: 0 74 72 / 165 245.
Stadt Mössingen, Waffen / Sprengstoff, Freiherr-vom-Stein-Straße 20, Klaus Preisendanz, Telefonnummer: 0 74 73 / 370 205