Die Ausstellung „Die Nakba“ ruft Kritiker auf den Plan
Fakten oder Einseitigkeit? Die Palästina-Schau „Die Nakba“ gastiert derzeit im Gemeindehaus der Stiftskirche – Kritik daran kommt auch aus den Reihen der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde.
Anzeige
Eike Freese
Diskussionswürdige „Nakba“: Ausstellungsmacherin Ingrid Rumpf erläutert die Tafeln ihrer umstrittenen Wanderschau über Palästina. Bild: Freese
Tübingen. Die Kritik an der Ausstellung ist grundsätzlich: „Eine halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge“, sagt Angelika Volkmann, Pfarrerin der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde. Sie bemängelt, dass die Ausstellung im Gemeindehaus „Lamm“ die schmerzliche Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts einseitig zugunsten der Palästinenser darstelle.
Lautstarker Streit über die schon jahrealte Wanderausstellung des Tübinger Vereins „Flüchtlingskinder im Libanon“ ist erst in jüngerer Zeit entflammt. Zwar meldete sich bereits 2008 in Ulm die dortige Deutsch-Israelische-Gesellschaft zu Wort („systematisch angelegte Einseitigkeit zu Lasten Israels“). Seitdem war die Wanderausstellung allerdings in über 50 deutschen Städten zu Gast – oft ohne viel Ablehnung zu erfahren.
Anders in Hannover: Vor rund drei Wochen hat die dortige Deutsch-Israelische-Gemeinschaft in einem Rundbrief ihre Missbilligung zum Ausdruck gebracht. Die Schau sei „eine tendenziöse Propaganda-Ausstellung“, die „Israel als Fremdkörper im Nahen Osten“ hinstelle. Die örtliche Volkshochschule hielt an der Ausstellung fest.
Vom heute an sollte ein zweites Exemplar der Ausstellung zudem für zwei Wochen im Haus des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Frankfurt am Main gastieren. Mittlerweile ist sie dort nicht mehr willkommen: „Die Darstellung entspricht nicht unserer Politik, die auf gegenseitiges Verständnis von Juden und Palästinensern gerichtet ist“, heißt es im Schreiben des DGB-Regionsvorstands.
Unfair und unausgewogen?
Nun hat bislang keine der beteiligten Parteien geleugnet, es auf „gegenseitiges Verständnis“ abgesehen zu haben. Wohl aber spricht man sich gegenseitig das Gespür dafür ab, dieses Ziel verantwortungsbewusst zu verfolgen. „Es kommt auf Fairness und Ausgewogenheit bei so einer Ausstellung an“, sagt Angelika Volkmann. Die Pfarrerin sieht bei der „Nakba“-Schau zahlreiche historische Fakten unterschlagen: „Die Palästinenser sind nicht nur Opfer, und auch nicht nur Opfer Israels – sie sind auch in weiten Teilen Opfer der eigenen Führung.“
Die Ausstellung erwähne mit keinem Wort die einflussreiche anti-jüdische Politik des Nationalisten und Geistlichen Amin el-Husseini, vor allem in den Jahren vor der „Nakba“. Zudem bediene sich die Schau in fragwürdiger Weise beim Œuvre kritischer israelischer Historiker: „Das ist ein klassisches antijudaistisches Muster“, so Volkmann. „Die Selbstkritik Israels wird gegen Israel instrumentalisiert – für ein Gefühl eigener moralischer Überlegenheit.“ Auf Seiten der Palästinenser werde die Debatte über eigene Schuld dagegen nur selten geführt. „Versöhnung kann es nur geben, wenn sich beide Parteien der Selbstkritik unterziehen“, so Volkmann.
Diese Aussage würde auch Ausstellungs-Macherin Ingrid Rumpf unterschreiben. Für die Vertreibung und den späteren Umgang mit den palästinensischen Flüchtlingen trage aber „ganz deutlich die zionistisch-israelische Seite die Hauptverantwortung“, so die Vorsitzende des Vereins „Flüchtlingskinder im Libanon“. Sie will das „fälschlich etablierte israelische Narrativ der eigenen Staatsgründung mit historischen Fakten konfrontieren.“
Die Ängste der Bürger Israels und ihr Leid in der Zeit des Holocaust leugne die Ausstellung nicht. „Nach 62 Jahren müssen wir aber auch dazu in der Lage sein, uns kritisch mit der Art und Weise der Staatsgründung Israels zu befassen.“ Den Vorwurf des Antisemitismus weist Rumpf in jeder Hinsicht zurück: Schon früh habe sie sich an Gedenkfeiern für die Opfer des Nationalsozialismus beteiligt und sich gegen den Neofaschismus engagiert.
Ein Thema, das polarisiert
In Kreisen der Tübinger Evangelischen Kirche war „Die Nakba“ schon im Vorfeld ein Thema – schließlich stellt die Stiftskirche der Schau mit dem „Lamm“ ihr eigenes Gemeindehaus zur Verfügung. „Unser Ausschuss hat trotz einiger Diskussionen einhellig für die Ausstellung gestimmt“, sagte Stiftskirchen-Pfarrer Karl Theodor Kleinknecht: „Die palästinensischen Flüchtlinge sind auch eine Realität, und wir wollen, dass die gesehen wird.“ Kleinknecht bedauert, dass „das Thema vor allem in den letzten Jahren so polarisiert“.
Selbst engagierte Angehörige der Friedensbewegung würden inzwischen ungefragt in Pro-Israel und Pro-Palästina eingeteilt. Inzwischen hat die Stiftskirche im „Lamm“ eine „Echo-Wand“ eingerichtet, auf der auch alle Gegenstimmen zur Ausstellung zu lesen sein sollen.