Zwischen Sonnenschein und Schneeflocken stürmten am Sonntag rund 3500 Narren und Hästräger durch die Tübinger Altstadt. Rund 20 000 Zuschauer waren laut Veranstalter da und trippelten auf ihren kalten Füßen herum.
Tübingen. „Ihr seht: Die Tübinger Fasnet lebt! Die Tübinger Fasnet lebt!“ Horst Knöpflers Stimme schallte am Sonntagnachmittag begeistert über den Tübinger Holzmarkt. Der stellvertretende Zunftmeister des Rosecker Fasnetsclubs moderierte im Schatten der Stiftskirche das Treiben, einige Umzugsmeter weiter am Markt hatte Zunftmeister Anton Buck ein Mikrofon in der Hand. Und beide ließen keinen Zweifel daran aufkommen: Tübingen ist in ihren Augen längst eine gestandene Fasnets-Hochburg.
Seit dem ersten Umzug anno 1996 hat sich einiges eingespielt, berichtet Knöpfler: Es kämen immer so um die 20 000 Zuschauer, und die Zahl der mitspringenden Narren habe sich bei etwa 3500 eingependelt, 80 Gruppen. „Es waren auch schon mal 92.“ Alle zwei Jahre sind die Rosecker dran und organisieren den Umzug, im Wechsel mit ihren Kollegen von der Narrenzunft Tübingen. „Mittlerweile haben wir ja sechs Zünfte allein in der Tübinger Kernstadt“, so Knöpfler.
Mal Flocken, mal Konfetti, mal Schweinsblasen: Beim Tübinger Fasnetsumzug gab’s am Sonntag allerhand auf den Kopf. Bild: Metz
Am meisten geboten war auch dieses Jahr wieder auf dem Holzmarkt und am Markt. Dort stand das Publikum drei- bis sechsreihig, in den Gassen bis zur Krummen Brücke wurde es deutlich magerer. Und es bleibt dabei: Erwachsene Tübinger gehen nicht kostümiert auf die Gass, nicht mal an Fasching. Nur die noch nicht ausgewachsenen Tübinger tollten gestern als Prinzessinnen, Zorros, Zauberer und Rastafaris herum.
Der Dresscode für pubertierende junge Damen sah neben der Alltagskleidung vor allem eine kunstvoll schmückende Bemalung des Gesichts vor. Damit betörte manch ein Girl die vorbeieilenden Hästräger so erfolgreich, dass es laufend zerwühlt, verschleppt, auf den Boden geworfen und mit Papierstreifen paniert wurde. Unter den Holzmasken stecken ja immer noch viele Männer, die was übrig haben für steinzeitliche Männlichkeitsrituale.
Das kommt den Mädels offenbar entgegen: Sie nehmen die Attacken als Bestätigung ihrer aufblühenden weiblichen Attraktivität und schütteln sich hinterher wohlig. Wie praktisch Handys sind, bewies sich auch in diesen Momenten mal wieder: Man kann sich im Display spiegeln und die Frisur wieder arrangieren, während die beste Freundin einem die zerlaufene Schminke restauriert.
Unter den Zuschauern stand auch Dieter Thomas Kuhn mit seiner kleinen Familie. In seinem Gesicht rührte sich rein gar nichts, als direkt vor seiner Nase eine Lumpenkapelle das Intro zu „Tränen lügen nicht“ anstimmte. Es dauerte aber nur wenige Sekunden, bis die kleine Tochter die Musik erkannte – und den Papa ganz begeistert anstrahlte. Da strahlten die Eltern eben zurück.
Sternstunden erlebte auch Kommentator Horst Knöpfler droben hinter seiner Stiftskirchen-Mauerbrüstung: „Hallo Kolleginnen“, grüßte er schon von weitem die uniformierten Hayinger Alkotessen. Und erklärte dem Publikum: „Sie wissen es vielleicht, ich bin ja bei der Polizei.“ Polizeioberrat bei der Polizeidirektion Tübingen, um genau zu sein. Er war kollegial schwer begeistert: „Ich könnte jede von euch küssen, wenn ich runter könnte und nicht hier oben stehen müsste, aber vielleicht kommt ja eine von euch hoch?“ Es kam eine hoch, und Knöpfler, dessen Stimme nach der Hälfte des Umzugs und vielen Narrenrufen etwas brüchig geworden war, seufzte in sein Mikro: „Mir geht das Herz auf.“ Einen Schnaps bekam er natürlich auch.
Frau Holle sorgte derweil dafür, dass es niemandem zu wohl wurde: Mitten im Umzug schüttelte sie plötzlich die Betten, und dichtes Schneetreiben setzte ein. Da wurden aus Bäckertüten flugs Schutz-Hüte gegen das kalte Konfetti, bei der Fasnet geht sowas. Gardemädchen in hochhackigen Stiefeln schlitterten hilflos und wenig anmutig den Schulberg hinunter. Die wagemutigen Hästräger konstruierten trotzdem unverdrossen ihre lebendigen Pyramiden, zwei, drei oder auch fünf Schichten übereinander, mit runder Grundfläche oder in Reihen-Bauweise. Beim wohl höchsten menschlichen Turm, den die Mössinger Wendgoischder errichteten, konnte der oberste Narr entspannt in die zweite Etage der anliegenden Häuser reinschauen.
Aber bald schien wieder die Sonne, die Hexen zündeten weiter Rauchbomben, die Lumpenkapellen bliesen schmissige Songs, Horst Knöpfler schrie sich mit Inbrunst den Rest seiner Stimme aus dem Hals – insgesamt zwei Stunden dauerte der närrische Spuk. Lang genug, dass das Publikum hinterher eilends auseinander stob: Schön war’s, aber jetzt schleunigst irgendwo hin, wo es wärmer ist.