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Der Frühstücksdirektor

Das beste Bed & Breakfast Großbritanniens betreibt ein ehemaliger Tübinger Uni-Dozent

Kürzlich ging ein Aufschrei durch die britische Presse: Kein Engländer, ein Deutscher führt das beste Bed & Breakfast Großbritanniens – jedenfalls nach Meinung der Nutzer des internationalen Reiseportals „Tripadvisor“. Wir sprachen mit dem ehemaligen Tübinger Uni-Dozenten Wolfgang Herrlinger über Brot, Ruhm und warum der 58-Jährige sich manchmal als Hochstapler fühlt.

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TAGBLATT: Dass ein Deutscher den Preis für das beste Bed & Breakfast bekommen hat, sorgte in Großbritannien für reichlich Wirbel. Ein Schwabe schlägt die Briten auf ihrem ureigensten Gebiet – das interessierte auch die BBC. Hat Sie der Medienrummel überrascht?

Das Athole Guesthouse in Bath – dort sorgen Wolfgang und Josephine Herrlinger für das Wohl der ... Das Athole Guesthouse in Bath – dort sorgen Wolfgang und Josephine Herrlinger für das Wohl der Gäste. Herrlinger lehrte 13 Jahre Englische Literatur an der Tübinger Uni. Mit seiner aus England stammenden Frau und fünf Kindern wanderte er 1995 nach Bath aus. Als die Kinder aus dem Haus waren, begann das Ehepaar, Zimmer zu vermieten. Bild: Herrlinger

Wolfgang Herrlinger: Ja, vor allem aber das Interesse aus Deutschland. Der Südwestrundfunk hat sich gemeldet, die ARD will bei uns drehen. Das ist mir schon etwas peinlich. Ich musste etwa 15 Radiointerviews geben. Das Westfalenblatt hat mich angerufen, da habe ich überhaupt keinen Bezug zu. Ich kann ja nicht mal richtig Hochdeutsch (lacht).

Pensionswirt mit Passion: Wolfgang Herrlinger.Bild: Sommer Pensionswirt mit Passion: Wolfgang Herrlinger.Bild: Sommer

Was ist denn der Grund Ihres Erfolges? Immer wieder wird das Frühstück genannt.

Viele B&B-Besitzer gehen dazu über, das Frühstück extra zu berechnen. Wir lehnen das ab. Wir bieten gute Zutaten von örtlichen Anbietern und haben auch viele Alternativen zum klassischen englischen Frühstück mit Bohnen und Würstchen. Beispielsweise Buttermilch-Pfannkuchen oder Eggy Bread, in Ei gebratenes Brot, also urenglische Sachen, die ich wiederbelebt habe. Aber eben auch leichtere Speisen und Müsli.

Eine Geheimwaffe ist auch das Brot, das Sie selbst backen?

Ja, mit dem englischen Brot haben viele Deutsche ihre Probleme. Dabei ist die Küche schon viel besser geworden, da haben die Engländer die Socken hochgezogen. Aber die Masse isst noch das Fabrikbrot. Aus Verzweiflung habe ich Kurse besucht und backe nun selbst – und das Brot schmeckt der Familie und auch den Gästen. Meine Theorie ist, dass beim Frühstück selbst abenteuerlustige Menschen sehr konservativ sind. Gerade Amerikaner, beispielsweise aus New York oder Kalifornien, haben zuhause eine große Auswahl und wollen auch auf Reisen nicht nur wabbeliges Toastbrot.

Backen Sie auch Laugengebäck?

Ich hab‘ ja keine Bäckerlehre gemacht. Solchen Ansprüchen würden meine Backwaren sicher nicht genügen.

Klingt ja alles ganz lecker. Aber das allein ist es nicht, oder?

Es ist, glaube ich, nicht nur das Frühstück. In Wirklichkeit geht es darum, dass Erwartungen erfüllt werden. Bei uns kommen immer wieder Gäste, die uns sagen, dass die Zimmer schöner seien als auf den Bildern auf der Internetseite. Ein anderes Bed & Breakfast in Bath liegt an der Hauptstraße, da donnern die Lastwagen vorbei. Das haben sie von der Rückseite so fotografiert, als liege es mitten im Grünen. Da ist doch programmiert, dass die Leute enttäuscht sind. Man sollte lieber ehrlich schreiben, dass es etwas lauter werden kann.

Sie waren schon früher Unternehmer und haben ein erfolgreiches Übersetzungsbüro aufgebaut, das nun seit 30 Jahren besteht. Dort arbeiten Sie als freier Mitarbeiter für Ihre ehemaligen Angestellten. Hat es Sie nicht gejuckt, mit dem Preis im Rücken England mit B & B-Filialen zu überziehen?

Nee, wenn ich 15, 20 Jahre jünger wäre, würde ich mir vielleicht ein größeres Hotel kaufen. Aber wir denken eher über downscaling nach. Ich sehe mich in erster Linie weiter als Übersetzer, meist arbeite ich für einen Automobilhersteller aus Stuttgart. Deshalb fühle ich mich manchmal wie ein Hochstapler. Es wird im Zusammenhang mit dem Preis immer das Deutsche betont, aber meine Frau ist Engländerin und die Angestellten auch. Ich begrüße die Gäste, das ist glaube ich ganz wichtig.

Die ersten drei Minuten entscheiden, ob es jemandem bei uns gefällt oder nicht. Es geht darum, eine gute Atmosphäre zu schaffen. Wenn dann mal was schief geht, kommen die Leute zu mir und schreiben nicht wutentbrannt schlechte Rezensionen. Ja, und ich bereite das Frühstück vor. Aber dann ziehe ich mich in mein Büro an meinen Schreibtisch zurück und arbeite dort den ganzen Tag.

Sie sind also ein Frühstücksdirektor im Wortsinn?

Ja! (lacht).

Haben Sie eigentlich erwartet, dass ausgerechnet Ihr Guesthouse diesen Preis bekommt?

Nein, ich dachte, wir schaffen es vielleicht unter die Top 25. Vieles dabei ist einfach Glück, auch mit den Gästen. Wir haben zuletzt 120 Bewertungen mit fünf von fünf möglichen Punkten bekommen – und keine einzige negative. Wenn ich bei anderen Hotels die Beurteilungen sehe, und wie unangemessen manche Gäste auf Kleinigkeiten reagieren, dann denke ich: „Gott sei Dank war der nicht bei mir“.

Wie reagiert die Konkurrenz in Bath?

Manches, was wir machen, kopieren jetzt andere. Wir bieten beispielsweise einen Abholservice an. Da kriegen wir viele Bahntouristen, die ich mit dem Mercedes am Bahnhof einsammele. Das fangen andere jetzt auch an.

Was macht Ihnen am Zimmervermieten eigentlich Spaß?

Mich fasziniert es immer noch endlos, wie unterschiedlich unsere Gäste sind. Viele kommen aus Indien oder auch vom chinesischen Festland. Mich interessiert einfach, wie die Bath erleben. Das Wichtigste beim Bed & Breakfast ist aber, dass man Leute mag. Wenn dem nicht so ist, sollte man es lassen.

Interview: Jonas Bleeser

17.02.2013 - 08:30 Uhr | geändert: 18.02.2013 - 07:03 Uhr

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