Schicht über Schicht über Schicht am Leib – und bloß nicht lange stehen bleiben: Manche Tübinger Werktätigen müssen trotz der sibirischen Witterung raus in die Kälte. Sie bibbern – und nehmen es doch meistens mit Humor.
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Fabian Ziehe
Von wegen kältefrei: Die Tübinger Zimmerleute Tobias Winter (links) und Ismail El Hage Moussa packen bei der Stiftskirchenrenovierung an.Metz
Tübingen. Minus 17 Grad. Als wäre die bloße Tageszeit nicht schon Qual genug: Es ist 4 Uhr morgens, Sandra Leuthe, eine von insgesamt 450 TAGBLATT-Austrägern, beginnt ihre Tour durch Pfrondorf. Jedes Ausatmen produziert eine dicke Rauchfahne. „Ich mache das seit acht Jahren – aber solche Kälte habe ich noch nie erlebt“, sagt die 42-Jährige. Sie geht von Haus zu Haus, stets auf der Hut, nicht auf Eis auszurutschen. „Jetzt mir etwas brechen, das wäre der blanke Horror.“
Verständlich, da zu dieser Uhrzeit niemand unterwegs ist, der helfen könnte. Allerdings würde Leuthe recht weich landen: Sechs Schichten trägt sie übereinander – das Zwiebelprinzip in Perfektion. „Wenn ich jetzt fall, feder ich zurück auf die Füße“, scherzt die Austrägerin. Leuthe nimmt die „rattenkalte“ Witterung mit Witz.
Von wegen kältefrei: Wo Tübinger trotz Frost anpacken
Sie mag das Austragen. „Es ist ein schöner Bezirk mit netten Leuten“, sagt Leuthe. „Hier kenne ich jeden Baum.“ Nein, tauschen will sie nicht, nicht den Job, nicht den Bezirk – mag es so kalt sein, wie es will. „Wir haben’s ja noch gut, wir sind nach zwei Stunden fertig.“ Dann gibt es Frühstück, zu Hause mit Mann und Sohn. Und einen dampfenden Kaffee.
Den Kaffee hält Andreas Kehrer schon in der Hand. Noch besser wäre ein wärmendes Fußbad: Über den Pflastersteinen auf dem Tübinger Marktplatz hängt die Kälte. Gemüsehändler Kehrer hat mit seinen Eltern den Stand am Neptunbrunnen mit durchsichtiger Plane eingehüllt. Drinnen sorgen Gasheizer für Plusgrade – anders würden Tomaten, Zucchini und Bananen schlapp machen. „Wir hätten ja nicht gedacht, dass der Winter nochmal so eine Kurve nimmt“, sagt Kehrer.
Seit 40 Jahren kommen die Kehrers auf den Wochenmarkt, Präsenz ist Ehrensache – auch am schwachen Montags-Markttag, auch bei strengem Frost. Kunden verirren sich am Morgen kaum auf den Platz. „Wirtschaftlich ist das wohl kaum“, sagt Kehrer. Heute sind sie erst gegen 7 Uhr auf dem Marktplatz, obwohl das Aufbauen derzeit etwa eine Stunde länger dauert. „Am Mittwoch sind wir aber bestimmt wieder früher da.“
Jürgen Plomann hat sich für seinen Straßenverkauf eine sonnige Stelle auf der Neckarbrücke gesichert: Dort bietet er die neue „Trott-war“-Ausgabe an, die – wie passend – einen Artikel zum Thema „Wind und Wetter“ bietet. „Okay, es ist kalt, aber das Verkaufen macht mir trotzdem Spaß“, sagt er. „Wenn die Leute frierend vorbei hasten, muss ich lächeln.“ Dagegen helfe doch gute Kleidung! Plomann zählt seine auf: Mütze, drei Pullis plus Jacke, Jeans und lange Unterhose. Kalt sind alleine seine Fingerspitzen: die Handschuhe taugen nichts.
Wenn gerade kein Kunde in Sicht ist, genießt er den Blick über den Neckar. Der Fluss ist fast vollständig zugefroren. „Sieht gut aus – schon lange her, dass ich das mal gesehen habe.“ Das gute am Winter ist ja, dass es nur besser werden kann: „Irgendwann kommen Frühling und Sommer – darauf freue ich mich schon“, sagt Plomann.
Gegen mildere Witterung hätten auch Tobias Winter und seine drei Kollegen nichts einzuwenden. Sie sind an der Nordseite der Stiftskirche zugange, räumen via Gerüst und Lastenaufzug das Posaunenzimmer leer. Das wird im Rahmen der Traufsanierung gerichtet, auch um die Balken unter den Dielen zu checken. „Die Menschen sind bei diesem Wetter geplagt – und die Maschinen auch“, sagt der Vorarbeiter der Zimmerei Holzwerk. Vor 8.30 Uhr war es zu kalt, um auf das Dach zu gehen – nun beschränken sie sich auf Vorarbeiten.
„Lange kann man da oben nicht im Freien stehen“, sagt Winter. Die vier Zimmerer sind dick eingepackt, ein Mundschutz schützt vor dem Staub und wärmt ein wenig die Nase. Schneller arbeiten sorge innerlich für Wärme. Wenn es nicht mehr geht, machen sie Pause im Bauwagen hinter der Stiftskirche.
Anja Seiffarth kann sich auf ihrem Weg durch Tübingen in jedem öffentlichen Gebäude aufwärmen. Derzeit muss die 43-Jährige Mitarbeiterin des Gemeindevollzugsdienstes immer mal wieder pausieren und entfrosten. Gut für Parksünder, mancher entgeht so vielleicht gerade noch dem Knöllchen. Doch Obacht: Eingeschränkte Kontrollgänge gibt es auch bei zweistelligen Minusgraden nicht. „Kältefrei bekommen wir leider nicht“, erklärt Seiffarth. Immerhin: Solchen Frost hatte sie schon mal in Kombination mit Ostwind. Das sei nun wirklich unmenschlich gewesen.
Solange sich die 42-Jährige bewegen kann, ist alles gut. Allerdings musste sie just diesen Morgen eine geschlagene halbe Stunde auf einen Abschlepp-Wagen warten. „Am Ende habe ich meine Zehen nicht mehr gespürt.“ Seiffarth schwört auf Thermounterwäsche, sie trägt zwei Paar Socken und fünf Schichten Oberbekleidung übereinander. So geht sie von Auto zu Auto, seit 7.30 Uhr ist sie auf der Piste, bis 15 Uhr wird sie noch unterwegs sein – und mit ihr vier weitere Kollegen im Stadtgebiet. „Wir sind schließlich hart gesotten“, sagt Seiffarth.