Das Flair des Tübinger Weihnachtsmarkts ist bis in die Schweiz bekannt
Zum Finale des Weihnachtsmarkts blinzelte sogar die Sonne über der Tübinger Altstadt. Seit Buden-Öffnung am Freitagvormittag schlenderten rund 100 000 Besucher durch die zimtduftenden Gassen.
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DOROTHEE HERMANN
Tübingen. Die mehr als 400 festlich geschmückten Büdchen boten Glühwein, Waffeln und Crêpes gegen die winterliche Kälte. Die bewährte Tübinger Mischung – anspruchsvolles Kunsthandwerk und liebevoll Selbstgebasteltes – garantierte individuelle Geschenke in verschwenderischer Fülle. Zwei Freundinnen aus dem schweizerischen Schaffhausen erlagen schon zum dritten Mal dem Sog des Tübinger Weihnachtsmarkts. „Weil der so schön ist“, sagte die 28-jährige Steffi Berner und fügte hinzu: „Es ist ja nicht so weit.“
Samstags morgens um 9 Uhr ging es los. Um die Mittagszeit stöberten die beiden Schweizerinnen schon zwischen bunten Kissen mit Sinnsprüchen, handgemachten Tagebüchern und kleinen Kommoden aus Streichholzschachteln mit zwei Schubladen, jeweils eine für „Hui“, und eine für „Pfui“.
So stimmungsvoll präsentierte sich Tübingens Weihnachtsmarkt in den frostigen Abendstunden des Samstags rund um den Marktbrunnen. Bild: Metz
Das Unterstadt-Atelier Zweisam bestückte den Stand gemeinsam mit zwei Co-Künstlerinnen. Unter dem Slogan „Wir machen eure zukünftigen Habseligkeiten“ schufen sie auf dem Affenfelsen beim Nonnenhaus eine Fundgrube mit lauter unverwechselbaren Dingen. Sirke Heid vom Atelier hatte eine Kiste voller Stempel vor sich und arbeitete schon am nächsten Reise-, Traum- oder Notizbuch. „Ich bin die Kissenfrau“, sagte Mit-Verkäuferin Deborah Bausch. Ihre weichen kleinen Tröster näht die angehende Tierheilpraktikerin nebenher in ihrem Wohnzimmer in Hirrlingen.
Ein paar Schritte weiter wachte Rudolf Bräuning vom Schachklub Bebenhausen über zwei riesige Schupfnudel-Pfannen. „Es läuft sehr gut. Das Wetter ist kein Nachteil“, sagte er. Die Einnahmen vom Weihnachtsmarkt steckt der Verein in die Jugendarbeit. Denn mehr als 20 Kinder und Jugendliche im Alter von neun bis 18 Jahren üben sich am Schönbuchrand in dem traditionsreichen Brettspiel.
Gleich nebenan wurden rekordverdächtig winzige Kaffeeservices und altertümliche Waschschüsseln für die Puppenstube feilgeboten. „Das ist ja unglaublich“, staunte eine Passantin über die zierlichen Kreationen aus Porzellan und nahm vorsichtig ein Kaffeekännchen in die Hand. Ihr Mann ließ sich nicht so schnell hinreißen und bat um eine Bedenkzeit: „Wir müssten anbauen, damit wir das alles aufstellen können.“
So stimmungsvoll präsentierte sich Tübingens Weihnachtsmarkt in den frostigen Abendstunden des Samstags rund um den Marktbrunnen. Bild: Metz
Beim Tübinger Percussionisten Herman Kathan probierten Passanten aus, wie Windspiele, Xylophone und so genannte Regenstöcke klingen. Einer der letzteren war ein besonders knorriges Exemplar, mehr als einen Meter lang, und aus einem Stück abgestorbener chilenischer Kaktee gefertigt. Als ein interessierter Kunde ihn vorsichtig anhob, ertönte ein fein moduliertes Rauschen. Die Regenstöcke wurden früher bei Regenritualen eingesetzt, erzählte der Händler. „Heute gibt es die Wettervorhersage.“
Wem auf dem historischen „Dampf-Carousel“ von 1886 bei der Stadtbücherei die aufgemalten Jahreszeiten durch den Drehwurm durcheinandergerieten, konnte sich von Ben Welker eindeutig in den Advent zurückholen lassen. „Macht hoch die Tür“, flötete der achtjährige Tübinger an der Neuen Straße – und im Kässle klingelte es dazu. „Der schönste Weihnachtsmarkt in Baden-Württemberg“, schwärmte eine Besucherin.
„Oh, es riecht nach Zimt“, rief eine andere in Sichtweite der Stiftskirche. Womöglich war ihr der Duft der selbstgebackenen „Weihnachtsbredla“ in die Nase gestiegen, mit denen der Sängerkranz Derendingen an der Ecke Neue Straße und Holzmarkt seine Markt-Premiere bestritt, inmitten von roten Sternen, Tannenzweigen und Nüssen.Bild: Sommer
Er hat die Besucherzahlen im Blick
„Die Stadt war voll von der Eberhardsbrücke bis zum Kelternplatz, von der Krummen Brücke bis zum Nonnenhaus.“ Das sagte der erfahrene Markt-Beobachter Rainer Kaltenmark vom Tübinger Ordnungsamt. Zirka 100 000 Besucher, so schätzte Kaltenmark gestern Abend, strömten auch in diesem Jahr wieder zum Tübinger Weihnachtsmarkt. Viele Gäste seien aus den Nachbarkreisen Reutlingen, Böblingen, Esslingen, Stuttgart und Balingen angereist.