Mammut bleibt nicht im Tresor
Das Eiszeit-Pferdchen bekommt bald neue Gesellschaft
Vom kommenden Mittwoch an ist die Stammbesetzung des Tübinger Eiszeit-Zoos wieder im Schloss-Museum zu besichtigen. Wie sehr sich der Heimvorteil langfristig auch auf die übrige Menagerie auswirkt, bleibt noch in der Schwebe.
Hans-Joachim Lang
Die Venus als Mittelpunkt der Eiszeit-Kunst. Dazu eine Flöte, darunter das Wildpferdchen, links daneben der Löwe, darüber das Mammut und ein Bär. Bild: Montage
Tübingen. In der am Sonntag in Stuttgart zu Ende gegangenen Landesausstellung zur Eiszeitkunst waren die von Tübinger Urgeschichtlern ausgegrabenen Elfenbeinfiguren die Stars. 98 000 Besucher haben in den vorangegangenen vier Monaten die ältesten bekanntesten Kunstwerke der Welt gesehen.
Vorgestern Abend sind sie wieder in Tübingen eingetroffen. Fortan gehören sie aber einer Zwei-Klassen-Gesellschaft an. Das Wildpferdchen und weitere zehn Artefakte kommen zurück in die angestammten Vitrinen und können vom Mittwoch an wieder besichtigt werden. Diese Stammbesatzung, 1931 von einem Team Prof. Gustav Rieks in der Vogelherdhöhle ausgegraben, gehört zur Sammlung der Eberhard-Karls-Universität.
Zur anderen Gruppe gehören die aktuellen Funde Prof. Nicholas Conards und seiner Mitarbeiter in der Vogelherdhöhle und der Höhle Hohle Fels, die nicht nur die Fachwelt begeistern. Darunter eine sechs Zentimeter hohe, aus Mammut-Elfenbein geschnitzte Venusfigurine, die als weltweit älteste gesicherte Darstellung eines Menschen gilt. Ebenso eine 22 Zentimeter lange, aus Tierknochen gefertigte Flöte – das vermutlich älteste Musikinstrument der Welt.
Auch diese Kunst-Stücke will die Universität auf Dauer in Tübingen ausstellen und beruft sich dabei auf eine Zusage von Ministerpräsident Günther Oettinger. Diese aus Tübinger Sicht erfreuliche Aussicht hat allerdings einen Schönheitsfehler: Es fehlt an einem prominenten und leicht zugänglichen Ort, um diese exklusiven Figuren angemessen zu präsentieren. Darum bleiben Mammut und Venus vorerst im Tresor, für die Öffentlichkeit also unzugänglich.
Kein Museum auf die Schnelle
„Wenn Tübingen Standort bleiben möchte, dann kann die Eiszeitkunst nicht im Tresor bleiben“, sagt Uni-Rektor Bernd Engler. „Aber wir können nicht auf die Schnelle ein Museum bauen.“ In der Campus-Planung kann ein solcher Neubau nicht an oberster Stelle der Prioritätenliste stehen, andere Aufgaben gehen vor. Da sich eine der von ihm zunächst favorisierten Interimslösungen, etwa in der Köstlinsche Villa in der Rümelinstraße, ebenfalls nicht in überschaubarer Kürze realisieren lässt, geht Engler jetzt ein weiteres Mal in die Offensive und kündigt an, dass auch die neueren Fundstücke bereits „in den nächsten Monaten“ wieder in Tübingen zu sehen sein sollen, und zwar ebenfalls im Museum auf Schloss Hohentübingen. Durch kleinere bauliche Veränderungen soll dort Platz für die Neuen geschaffen werden.
Langfristig hofft der Rektor, in zentraler Lage einen Ort für das künftige Unimuseum zu finden, in dem auch noch weitere herausragende Objekte aus hiesigen Wissenschaftlichen Kollektionen vorgezeigt werden könnten. Dazu zählen, im engeren Kontext der Eiszeitkunst, europaweit einmalige Objekte aus der Sammlung der Tübinger Paläontologen. Sympathie bekundet Engler bereits für einen von dem noch unbehausten Unimuseums-Leiter Ernst Seidl in die Debatte gebrachten Vorschlag: Das Kommödle, jene Zeile von Behelfsbauten vor dem „Museum“ an der Wilhelmstraße.
Andernorts wird freilich darauf verwiesen, dass selbst ein Standort Tübingen – falls dies schon das letzte Wort gewesen sein soll – für die Urzeitkunst nicht Ort der ständigen Präsenz sein könne. Prof. Claus-Joachim Kind, Leiter des Fachgebiets Steinzeitarchäologie im Landesamt für Denkmalspflege vermutet offenbar noch Spielraum im Wettbewerb um die begehrten Stücke. Er könnte sich vorstellen, dass auch Niederstotzingen und Blaubeuren Original-Fundstücke erhalten könnten. Prof. Nicholas Conard wertet das Urgeschichtsmuseum Blaubeuren als „Schaufenster der archäologischen Forschung in der weltbekannten Fundregion“. Dies müsse sich auch bei der Präsentation abbilden. Auf jeden Fall müsse es zu einem Ausgleich aller Interessen kommen.
Wie eine Sprecherin im Staatsministerium gestern auf Anfrage betonte, legt das Land Wert darauf, dass die eiszeitlichen Funde „in einem in ihrer Bedeutung angemessenen und wissenschaftlichen Rahmen präsentiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden“. Es stehe „mit den beiden Fundorten Blaubeuren und Niederstotzingen im Gespräch, wie sich die temporäre Präsentation von Originalstücken auch in der Nähe der Fundorte realisieren lässt“. Einen Vorgeschmack auf die Zukunft gibt die Venus vom Hohle Fels. Sie wird in nächster Zeit nicht im Tübinger Schloss zu sehen sein, sondern vom 27. März bis zum Jahresende im Urgeschichtlichen Museum von Blaubeuren.
Fundregion als Kandidat fürs Weltkulturerbe
Auf der Schwäbischen Alb arbeiten urgeschichtliche Enthusiasten mit Tübinger Urgeschichtlern daran, mit den einzigartigen Kunstwerken auch die Fundregion in die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit zu bringen. Dazu gehört der Wunsch, dass die betreffenden Höhlen auf die Weltkulturerbe-Liste der Unesco gesetzt werden. „Die Anerkennung der Fundorte als Weltkulturerbe könnte schnell gehen“, behauptet Reiner Blumentritt, stellvertretender Bürgermeister von Schelklingen und einer der führenden Protagonisten der Initiative. Mehr als drei Jahre würde der Antrag seiner Ansicht nicht brauchen.