Vor kurzem gab es in Tübingen einen Warnstreik der Busfahrer. Das TAGBLATT fragte einen der Chauffeure, warum sie die Fahrgäste stehen ließen.
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Mario Beisswenger
Alle Räder stehen still: So sah es beim Busfahrer-Streik am 23. Januar in der Tübinger Friedrichstraße aus. Kommen Arbeitgeber und die Gewerkschaft Verdi bei den Verhandlungen nicht weiter, könnte es bereits vom kommenden Donnerstag an erneut Warnstreiks beim Tübinger Stadtverkehr geben.Archivbild: Metz
Tübingen. Plimm, plamm. „Universität – Neue Aula.“ Plimm, plamm. „Lothar-Meyer-Bau.“ Sanft kündigt eine Männerstimme die Haltestellen an, leicht quietscht die Bustür beim Öffnen. Sie schließt mit einem satten Schlag und weiter geht es zur nächsten Haltestelle. Dutzende von Bussen kurven durch Tübingens Innenstadt, meist erstaunlich pünktlich. Die Busfahrer sehen die Fahrgäste oft gar nicht, schließlich interessieren sich die Fahrer nicht mehr für die Monatskarte, Fahrscheine kaufen die Mitfahrer am Automaten.
An die Person hinterm Steuer erinnern sich die meisten nur, wenn sie ruppig bremst, die Tür zu schnell zumacht oder wenn jemand, der im letzten Moment auf den Bus zurennt, an der Haltestelle stehen bleibt. Dann wird geschimpft, gedroht, getobt. „Als ob man das mit Absicht machen würden“, sagt ein TüBus-Chauffeur. Das sind die unerfreulichen Kontakte im Arbeitsalltag des Mittfünfzigers.
Das TAGBLATT ließ sich von ihm drei Stunden durch die Stadt kutschieren, um zu erfahren, warum die Fahrer letzte Woche in den Warnstreik traten. Damit er von seinem Arbeitgeber beim Tübinger Stadtverkehr keine Schwierigkeiten bekommt, bleibt er anonym. Er sieht sich auch nur als ein Beispiel für die hohe Streikbereitschaft beim TüBus. „Es war mal nötig zu zeigen, dass es auch Grenzen gibt.“ Weil sich TüBus-Leitung und die Gewerkschaft Verdi nicht auf einen Notfahrplan einigen konnten, kam es am Streiktag zu unschönen Szenen.
Der Arbeitskampf sei aber notwendig. Am Manteltarifvertrag für die Fahrer im privaten Omnibus-Verkehr stimme einiges nicht, erklärt der TüBus-Chauffeur in einer Fahrtpause. Vier Stunden schon hat er sein 18 Meter langes Fahrzeug durch den Verkehr gesteuert, dann kommt morgens kurz vor neun der erste längere Stopp.
Bei Verspätungen steigt der Druck
Zuallererst müsste die Regelung für die Krankheitstage geändert werden. „Das stört mich am meisten.“ Busfahrer von privaten Unternehmen und solchen wie TüBus, für die der Privat-Tarif gilt (für diejenigen im öffentlichen Dienst gibt es andere Regeln), bekommen nicht einfach die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. „Bei uns gilt: Wer krank wird, ist ein armer Mann.“ Krankheitstage aus dem Vorjahr werden angerechnet und verringern das Krankengeld. Außerdem wollen Busfahrer nicht mehr für ihre Fortbildung aus ihrer eigenen Tasche zahlen. Berufskraftfahrer müssen in fünf Jahren fünf Tage Fortbildung nachweisen. Da geht es zum Beispiel um ökonomisches Fahren oder Verhalten bei Bränden im Bus. Je nach Betrieb müssen die Fahrer dafür frei nehmen oder sogar die Fortbildung selbst bezahlen.
Dann hätte der von uns befragte Kutscher auch gerne ein höheres Weihnachtsgeld. Die 715 Euro und Zerquetschtes nach Tarif zeigen, dass der Betrag noch aus D-Mark-Zeiten stammt und seither nicht erhöht wurde. Auch die Schichteinteilung geht dem Mann am Bus-Lenkrad gegen den Strich. Sein Arbeitstag kann auch mal zwölf Stunden lang sein. Dazwischen liegen lange, nicht bezahlte Pausen. „Das geht am Familienleben flöten.“
Der Katalog an Forderungen der Gewerkschaft ist lang. So lang, dass er sich nicht in einer Stunde Pause mit kleinem Kaffee zur Entspannung erzählen lässt. Deshalb dreht der Fahrer wieder seine Runde mit plimm-plamm, Tür auf, Tür zu. Steuert den Gelenkbus durch enge Kurven und kurbelt zentimetergenau die Haltestellen an. Sein Blick streift den Innenspiegel. Sitzen auch alle, die wackelig auf den Beinen sind? Dann die Außenspiegel. Kurvt ein Radler aus dem toten Winkel? Was macht der Autoverkehr? Das verlangt schon unter normalen Bedingungen Konzentration. „Wenn Verspätung dazukommt, stehst du automatisch unter Druck.“
Eine ganz unbeliebte Strecke sei die durch die Unterstadt an der Jakobuskirche vorbei. „Du packst es eigentlich nie pünktlich zum Haagtor.“ In den Altstadtgassen wird falsch geparkt, Autos weichen nicht aus, in der Seelhausgasse muss man an den Kollegen vorbeikommen. Stehen diese Kurse auf dem Einsatzplan, bedeutet das vier Stunden ununterbrochener Zeitdruck. „Das sind Linien, die überhaupt keinen Spaß machen.“
Dazu kommen dann die äußeren Bedingungen des Tarifvertrags, der viele kleine Abschläge beinhaltet. Ärgerlich ist für den Fahrer, dass Kollegen, die neu anfangen, zehn Prozent Minus auf den Lohn hinnehmen müssen. Alle Chauffeure bekommen für einen Feiertagsdienst nicht unbedingt wirklich einen freien Tag. Fallen ihre nach Schichtplan zugeteilten freien Tage auf einen Feiertag, wird ihnen das nämlich nicht angerechnet.
Mit einem Brutto-Lohn von 2200 bis 2400 Euro kommt ein Busfahrer am Monatsende nach Hause. Dazu kommen nach Verdi-Angaben noch etwa 200 Euro Zuschläge für Überstunden, Nacht- und Feiertagsarbeit. Für dieses Geld übernehmen die Fahrer Verantwortung für bis zu 250 Personen, die in einen der modernen Großraum-Busse passen.
Nach drei Stunden mit teils heftigem Gerumpel über Tübingens marode Straßen heißt es für den Beobachter: „Diese Fahrt endet hier“. Sein Fahrer dreht noch gute zwei Stunden die Runden über die TüBus-Linien.
Wie es weitergeht beim Busfahrerstreik
Nach den ersten Warnstreiks bei den privaten Omnibusunternehmen des Landes gibt es kommenden Mittwoch wieder Verhandlungen zwischen der Gewerkschaft Verdi und dem Verband Württemberg-Badischer Omnibusunternehmer (WBO). Nach Auskunft von Rudolf Hausmann, Landesfachbereichsleiter bei Verdi für den Personenverkehr, verlief der Warnstreik landesweit relativ ruhig, nur in Tübingen und Reutlingen kam es zu keiner Einigung über einen Notfahrplan. Hausmann sagt: „Bei uns wird nicht gestreikt, wenn es nicht unbedingt sein muss.“ Er hält aber neuerliche Arbeitsniederlegungen und auch eine Urabstimmung über einen dauerhaften Streik für möglich, da die Verhandlungspositionen von WBO und Verdi weit auseinander lägen.