Biologie, Mathematik und Sport kooperierten für ein ungewöhnliches Projekt
Kann man Klänge sehen? Mathematische Formeln tanzen? Klar - wenn drei Fächer sich kreativ zusammentun. Wie beim Sommerevent im Sportinstitut: „Drei Wissenschaften - eine Vision“.
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Wolfgang Albers
Mathematik und Bewegung im Sportinstitut: Zwei Studierende tanzen zu Musik, die gleichzeitig vom Farbspektrographen visualisiert wird.Bild: Faden
Tübingen. Eigentlich warten Prof. Schnitzler und seine Mitarbeiterin vor vietnamesischen Höhlen auf Fledermäuse, um deren Töne – die für das menschliche Ohr nicht hörbar sind – aufzuzeichnen. Seit den 1960er Jahren geht Uli Schnitzler der Fledermaus-Ortung nach. Längst ist er, mittlerweile Emeritus, weltweit einer der führenden Experten auf diesem Gebiet.
Am Samstagabend standen die beiden an einem Mischpult im Sportinstitut und hatten ganz andere Töne mitgebracht. Janis Joplin wünschte sich mit aller Inbrunst einen „Mörsides Benz“, und Maria Callas ließ hören, was eine Opern-Göttin stimmlich drauf hat: mehr als Janis Joplin. Das konnte man auch sehen. Ein Beamer warf nämlich die bunten Balken eines Farbspektographen an die Wand. Die zeigten klar getrennte Grund- und Obertöne bei der Operndiva, während ineinanderfließende Balken das Verwischte der Joplin-Röhre visualisierten.
So etwas kann man sehen, wenn ein Fledermausforscher über den eigenen Tellerrand guckt. Möglich macht das seine Ausrüstung. Während früher die Fledermaus-Orter mit dem Tonband arbeiteten, sind heute digitale Aufnahmegeräte, leistungsstarke Rechner und eine Software, die von einem russischen Programmierer geschrieben wird, im Einsatz. Und Mathematik.
Eine Funktion, die sogenannte Fourier-Trandformation, ist die Grundlage der Rechenoperationen des Computers, wenn er Töne in Bilder umwandelt. „Diese Fourier-Reihe beschreibt den Klang“, sagt Rainer Nagel. „Ohne diese Fourier-Transformation ginge nichts in den digitalen Medien.“ Rainer Nagel ist Mathematik-Professor, ebenfalls eremitiert, und hat sich mit Uli Schnitzler zusammengetan, um seinen Studierenden ein praktisches Arbeitsgebiet zu zeigen.
Die beiden wollten aber noch mehr: Töne und Bilder in Bewegungen überführen. Am Sportinstitut fanden sie eine Partnerin, die den Vorschlag spannend fand und gerne in die ungewöhnliche Kooperation einstieg: Tanz-Ausbilderin Susanne Pape-Kramer. Acht Stücke entwickelte sie mit ihren Studierenden: „Wir haben versucht, das intuitiv umzusetzen.“ Dabei erlebten sie die Bilder des Farbspektrographen als interessante Rückkoppelung: Entsprach es den graphischen Mustern, wenn sie auf Töne mit abgehackten oder fließenden Bewegungen reagierten? Die unterschiedlichsten Stücke bekam das Publikum zu sehen. Jazz Dance oder HipHop, Obertongesang mit Ballett, Tanz zu geometrischen Strukturen oder mathematischen Formeln.
Alles nur nette Spielerei? Einerseits: ja. Andererseits: Es war oft der Ernst der universitären Ausbildung dabei. So war dieses Tanz-Projekt eine Aufgabe für das Schwerpunktfach Tanz, und der Mathematik-Student Georg Priking hat seine Zulassungsarbeit über Obertöne und die Fourier-Transformation geschrieben. Eine Arbeit, die er in graphischen Mustern am Bildschirm erläuterte.
Überhaupt zeigt dieses Projekt, dass die Kooperation zwischen den Fächern ein gutes Stück voran gekommmen ist. So fahren Rainer Nagel und Veit Wank, Professor für Bewegungslehre, jedes Jahr mit Studierenden der Fächer Sport und Mathematik nach Süditalien zu einem Seminar, auf dem die Studierenden ihre Zulassungsarbeiten vorstellen. Zu Themen wie: „Messung und Untersuchung des Volleyballangriffschlages.“ Ohne Mathematik, sagt Wank, geht heute in der Bewegungslehre-Forschung nichts mehr.
Gibt es so ein Projekt wieder? Ja, wenn es nach Rainer Nagel geht: „Für die Ausbildung und Motivation der Studierenden bringt das unheimlich viel.“