Zapfenstreich für Zivis
Beim Roten Kreuz in Tübingen arbeiten künftig keine Kriegsdienstverweigerer mehr
Weil bei nur sechs Monaten Zivildienst zu wenig Zeit für die Arbeit bleibe, nimmt das Rote Kreuz in Tübingen künftig keine Zivis mehr. Woanders geraten anspruchsvolle Stellen in Gefahr.
Benjamin Hechler
Kreis Tübingen. Wer sich künftig als Zivildienstleistender im Rettungsdienst und Krankentransport des Deutschen Roten Kreuzes in Tübingen (DRK) bewirbt, hat wohl bald keine Chance mehr. Sobald die Dienstzeit von neun auf sechs Monate verkürzt wird, will das DRK keine Zivis mehr einstellen, kündigt Rettungsdienstleiter Rainer Wizenmann an. Geplant ist die Verkürzung schon: Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung steht, dass die Wehrpflicht um drei Monate reduziert wird – der Zivildienst wird dann angepasst.
Werden solche individuelle Hilfen mit mehrwöchiger Einlernzeit reduziert? Zivi Christoph Randecker und Lehrerin Ute Held-Bühler (links) unterstützen Nadine in der Mössinger Körperbehindertenschule mit einer Gehhilfe. Archivbild: Franke Franke
Das sei zu viel des Guten und damit das „absolute Aus“ für den Zivildienst beim DRK, sagt Wizenmann. Die Ausbildung zum Rettungshelfer, die jeder DRK-Zivi absolvieren muss, dauert etwa fünf Wochen. Zählt man dazu noch die vorgeschriebenen Veranstaltungen wie Einführungstage, Bildungswochen und Urlaub, sei der tatsächliche Dienst so kurz, dass er keinen Sinn mehr mache, so Wizenmann. Für die zeitintensivere Schulung zum Rettungssanitäter sei schon bei neun Monaten Dienstzeit kaum Luft – das war mal anders.
Etwas weniger pessimistisch ist Thomas Seyfarth, Geschäftsführer der Körperbehindertenförderung Neckar-Alb (KBF) in Mössingen, die mit 350 jungen Männern Deutschlands größte Zivildienststelle ist. Seyfarth glaubt zwar, dass ein herber Einschnitt bevorstehe, aber nicht, dass der Zivildienst am Ende ist. Stattdessen würden Zivis in Zukunft wohl eher Wagen mit Essen durch die Gegend schieben als Pflegebedürftige zu betreuen. Damit entferne sich der Zivildienst von seinem Grundgedanken: „Soziale Verantwortung zu lernen, wird den jungen Männern fehlen.“
Auch das Tübinger Universitätsklinikum gehört mit 150 Kriegsdienstverweigerern zu den großen Dienststellen im Kreis. Dort hätten sich die staatlich verpflichteten Helfer etabliert, berichtet die Personalratsvorsitzende Angela Hauser. „Ohne sie geht es gar nicht“, sagt sie. Richtig loslegen können die jungen Männer auch im Klinikum erst nach zwei bis drei Monaten Einarbeitungszeit.
Als der Zivildienst vor fünf Jahren von zehn auf neun Monate verkürzt wurde, hat das DRK angefangen, Zivildienstleistende dafür zu gewinnen, ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) zu machen. Das dauert mindestens zwölf Monate, wenn man damit den Zivildienst ersetzen will. Rund 20 junge Männer machen das jährlich. Aber etwa genau so viele sind dazu bislang nicht bereit und fahren den Krankenwagen lieber als Zivis – die werden dem DRK in Zukunft fehlen. Der Engpass lasse sich mit dem FSJ nicht ganz auffangen, sagt Rainer Wizenmann. Stattdessen würden wohl mehr Fachkräfte eingestellt. „Das kostet dann deutlich mehr Geld als jetzt.“
Das Freiwillige Soziale Jahr ist für Thomas Seyfarth nur in wirtschaftlich schlechten Zeiten eine Alternative. Wenn der Arbeitsmarkt den jungen Männern mit Geld winke, „wer will dann noch Lebenszeit verschenken“? Deshalb gebe es manche Leistungen irgendwann einfach nicht mehr, sagt er. Wenn etwa älteren Menschen durch Betreuung ermöglicht wird, zu Hause zu bleiben, gehe das nur mit Zivildienstleistenden. „Eine Fachkraft kostet dreimal so viel wie ein Zivi“, sagt Seyfarth. Deshalb müssten manche Menschen früher in ein Pflegeheim als tatsächlich nötig wäre.
Die Bundestagsabgeordneten zur Verkürzung
Die schwarz-gelbe Koalitionsvereinbarung zum kürzeren Wehrdienst habe Konsequenzen, wo sie „vom Grundsatz her nicht gewollt sind“, sagt Annette Widmann-Mauz (CDU). Bevor das Gesetz kommt, müsse für den kürzeren Dienst eine Form gefunden werden, der keine Nebeneffekte habe. Winfried Hermann (Grüne) sagt, je kürzer der Zivildienst wird, desto weniger Sinn mache er, werde gar zum „Hiwi-Job“. Die Wehrpflicht gehöre ganz abgeschafft, so Hermann. Das gleiche will auch Heike Hänsel (Linke). Den Dienst stattdessen nur zu verkürzen sei die schlechteste Lösung. Hermann und Hänsel wollen statt des Pflichtdienstes einen gestärkten Freiwilligendienst, bei dem es etwa mehr Geld gibt.