Ausstellung über Flucht und Vertreibung der Palästinenser
1948 begann der Krieg in Palästina, in dessen Verlauf rund 800 000 Palästinenser zu heimatlosen Flüchtlingen wurden. Um sie geht es in der Ausstellung „Die Nakba“, die am Sonntag eröffnet wurde.
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Veronika Renkenberger
Einen historischen Rückblick auf die Geschichte der Palästinenser im vergangenen Jahrhundert bietet die Ausstellung „Die Nakba“ („Katastrophe“, ein Ausdruck, der im arabischen Sprachraum die Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948 bezeichnet). Besucher sollten etwas Zeit zum Lesen der ausführlichen Texte mitbringen. Bilder: Metz
Tübingen. Über 100 Menschen drängten sich am Sonntagabend ins Gemeindehaus „Lamm“, um bei der Eröffnung der Wanderausstellung dabei zu sein: „Die Nakba“ („Katastrophe“ oder „Unglück“) heißt sie und war seit 2008 in fast 50 deutschen Städten. Sie bietet auf textreichen Schautafeln einen historischen Rückblick auf die Geschichte der Palästinenser im vergangenen Jahrhundert.
Ernst Tugendhat, emeritierter Philosophieprofessor und Schirmherr der Ausstellung, sprach zur Eröffnung.
Ein erstes Schlaglicht gilt der Zeit um 1917, als der damalige britische Außenminister Arthur James Balfour offiziell die Bereitschaft Englands erklärte, die zionistische Bewegung bei der „Errichtung einer nationalen Heimstätte“ in Palästina zu unterstützen. Über das Jahr 1947, als die Vereinten Nationen der Teilung Palästinas mehrheitlich zustimmten, geht die Zeitreise ins einschneidende Jahr 1948.
Von Kriegsverlauf bis Einzelschicksal
Von Mai 1948 bis Juli 1949 dauerte der israelisch-arabische Krieg, der viele hunderttausend Palästinenser zu Flüchtlingen machte. Die Hilfsorganisation UNRWA ver-sorgt heute 4,4 Millionen Flüchtlinge im Nahen Osten, vor allem im Libanon, Jordanien und Syrien. Die historischen Aufbereitungen durchleuchten die Rolle der Vereinten Nationen, berichten von vergeblichen Friedensbemühungen einzelner Dörfer und Städte und zeichnen Kriegsverläufe wie auch Einzelschicksale nach.
Um Frieden zwischen Israel und Palästina zu ermöglichen, sind nicht nur die wechselseitige Anerkennung nötig, sondern auch ein Rückkehr-Recht für jene Flüchtlinge, um die es in der Ausstellung geht. Dies sagte Schirmherr Prof. Ernst Tugendhat in seiner Eröffnungsrede. Und betonte dabei immer wieder: „Die Ausstellung ist rein deskriptiv. Sie nimmt keinerlei Wertung vor.“ In keinem einzigen Satz finde man Antisemitismus.
Es sei nötig, dies derart herauszustellen, erklärte der emeritierte Philosophieprofessor. Denn Deutschland habe Nachholbedarf: „Hier gilt noch: Einem Deutschen steht es nicht zu, eine kritische Haltung gegenüber Israel einzunehmen.“ Doch wer Menschen nicht kritisiere, wickle sie in Watte. „Man kann sich vom Antisemitismus nicht befreien, indem man Juden für nicht kritisierbar hält – sondern indem man sie behandelt wie normale Menschen!“ Israel brauche in seiner verstrickten Lage wirkliche Freunde, nicht nur solche, die ihm nach dem Mund reden.
Er selbst gehöre zu den Juden, die angesichts des Unrechts, das vom Staat Israel ausgehe und dort von großen Teilen der Bevölkerung mitgetragen werde, mit Scham und Fassungslosigkeit dastehen. „Wie kann es sein, dass ein Volk, das selbst so viel Unrecht über sich ergehen lassen musste, nun einem anderen Volk gegenüber eine so menschenverachtende Haltung einnimmt?“, fragte Tugendhat.
An einigen früheren Ausstellungsorten hat es kontroverse Debatten über die Schau gegeben. In Tübingen zeigte sich am Sonntag kein Kritiker. Der wohl größte Gegner der Ausstellungseröffnung war der Anpfiff zum ersten WM-Spiel der deutschen National-Elf. Einige Zuhörer schlichen sich kurz nach 20 Uhr aus dem Saal, als Julianna Herzberg, Samira Makhloufi, Samir Mansour und Andreas Geyer gerade Texte des Dichters Mahmoud Darwish kunstvoll mischten mit Klängen der Klarinette und der arabischen Laute Oud. Doch der Großteil des Publikums hielt fast zwei Stunden durch – trotz stickiger Luft und Stehplätzen.
Eine ganze Reihe Veranstalter steht hinter dem Projekt: die evangelische Stiftskirchengemeinde, der Verein „Flüchtlingskinder im Libanon“, der Arbeitskreis Palästina, der Verein arabischer Studenten und Akademiker sowie das Aktionszentrum Arme Welt.
Termine rund um die Ausstellung im Gemeindehaus Lamm
Bis zum 26. Juni bleibt die Wanderausstellung in Tübingen im evangelischen Gemeindehaus Lamm am Markt. Besuchen kann man sie werktags von 9 bis 20 Uhr sowie samstags von 11 bis 14 Uhr. Führungen sind mittwochs um 18 Uhr. Für Schulklassen kann man an unter Telefon 07121 / 7 85 56 Führungen vereinbaren. Am Samstag, 19. Juni, spricht von 20 Uhr an der Historiker Daniel Cil Brecher aus Amsterdam über „Die Nakba und die Staatsgründung Israels – Narrative und Wunschbilder im Westen“. Der Dokumentarfilm „Zwischen Hip-Hop und Kalaschnikow“ läuft am Freitag, 25. Juni, um 20 Uhr. Die Filmemacher Stefanie Landgraf und Johannes Gulde sind anwesend.