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Kommentar

Auf ein neues wildes Debattenjahr!

Spinnen die eigentlich im Landkreis Tübingen mit ihren ewigen Debatten? Tempo 30. Citymaut. Beschneidung. Taubenfüttern. Und jetzt Mohrenkopf. Wird da denn nur noch diskutiert in dieser seltsamen Gegend? Reicht’s nicht allmählich? Und muss die Zeitung das auch noch anheizen?

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Ulrich Janssen

Das sind Fragen, die man sich am Ende eines lebhaften Debattenjahres stellen kann. Schließlich melden sich in all den Diskussionen nicht nur kluge Köpfe zu Wort mit guten Argumenten zu wichtigen Themen, sondern auch Angeber, Besserwisser, Selbstdarsteller. Und Leute, die ihren Frust loswerden wollen, ihren Hass auf die Welt und auf diejenigen, denen sie für ihre persönlichen Pleiten und Pannen die Schuld geben. Ihnen allen hat das TAGBLATT in diesem Jahr wieder ein Sprachrohr geboten, und damit manch treuen Leser irritiert: Es werde nicht mehr diskutiert, hieß es, sondern diffamiert. Und die Debatten seien verletzend geworden.

Tatsächlich kann Sprache verletzen, sehr sogar, und viele Diskussionen haben unschöne Seiten. Deshalb greift die Redaktion auch ein, etwa wenn falsche Tatsachen behauptet werden oder ein Streit persönlich wird. Aber: Sie tut es selten. Und scheut sich nicht, auch mal eine Debatte anzuzetteln.

Das hat seinen Grund. Es ist nämlich immer noch ein Glück und ein Privileg, in einer Umgebung zu leben, in der so viele Leute die Öffentlichkeit suchen. Wer öffentlich diskutiert, hat Interesse an der Welt, will wahrgenommen werden, etwas verändern oder mitteilen, will auffallen, glänzen, gehört werden und das nicht nur von seinesgleichen: Wer einen Leserbrief im TAGBLATT schreibt mit seinem Namen darunter, setzt sich dem Risiko anderer Meinungen aus, kann kritisiert und attackiert werden. Das tut manchmal weh, keine Frage, aber es muss und kann ertragen werden (anonyme Schmähungen sind dagegen ein Fall für die Polizei).

In Kairo versuchen sie gerade, die hart erkämpfte Meinungsfreiheit wieder einzukassieren. Bei uns verzichten viele lieber gleich aufs politische Leben und verabschieden sich in den Fernsehsessel oder ins Paralleluniversum der Computerspiele. Und im Internet geht der Trend zu „Stammes-Öffentlichkeiten“: Die Obama-Hasser und die Obama-Freunde wollen nichts mehr voneinander wissen und lieber in ihren Facebook-Freundeskreisen krude Verschwörungstheorien ausbrüten.

Umso wichtiger, dass es vor Ort die große Bühne gibt. Im Leserbriefteil unserer Zeitung treffen die Taubenfütterer auf die Naturschützer, die Naturstein-Freunde auf die Lärmgestörten. Da fliegen die Fetzen, aber fast immer erreichen uns im Lauf der Debatte auch wunderbare Briefe. Originell, kenntnisreich, humorvoll, einordnend, versöhnend. Eine wahre Freude.

Ich bin mir sicher: Wer gelernt hat, andere Meinungen zu ertragen, erträgt auch andere Menschen besser. Ich freu mich deshalb auf ein neues wildes Tübinger Debattenjahr 2013.

29.12.2012 - 08:30 Uhr

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