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Wilder Ritt über die Wiese

Auf den Schlittenhängen im Kreis sausten die Bobs bergab

Österberg, Ergenzingen, Mössingen – der frische Schnee lockte die Massen auf die Rodelhänge. Spaß hatten sie überall, und hier und da gab es sogar warme Getränke.

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Wolfgang Albers, Amancay Keppeler und Birgit Reinke

Kreis Tübingen. Katja, die 13-jährige Lustnauerin, war eine Woche im Salzburger Land. Und hat dort kaum Schnee gesehen außer aus Schneekanonen. Die Chance, ihren Bob so richtig laufen zu lassen, kam dann im verschneiten Tübingen. Mit ihrer Freundin Carolin ging’s gestern an den Österberg. Wo schon gut was los war: Die sonst so verlassene Köstlinstraße am Hangfuß war von Autos zugestellt wie der Parkplatz eines Liftes. Den gibt's auch hier – in Form von fitten Mamas und Papas. Ein Ehepaar vom Schlossberg zieht die fünfjährige Greta und den achtjährigen Magnus die Wiese hoch. Die Kinder haben das erste Mal Skier an den Füßen. Dann lässt die Mutter Greta losrutschen: „Die Skispitzen zusammen, in die Knie gehen!“ Und rennt neben dem Kind her.

Danin und Kamil, Brüder aus Wankheim, haben sich und ihre Bobs vom Vater herfahren lassen. Wegen der langen Piste. „Da kriegt man richtig Speed“, schwärmt Danin. Eine Familie aus der Nachbarschaft hat Bob und Schlitten dabei – und der siebenjährige Sohn Markus eine Plastiktüte. Sein Lieblingsvehikel: „Das ist witziger. Man dreht sich manchmal um, fährt rückwärts und sieht dann nichts.“ Immerhin: Für so viel Wagemut ist Markus mit einem Helm gewappnet.

Der Wind bläst ins Gesicht, die Backen werden rot und es macht so viel Spaß! Kinder, hier auf dem ... Der Wind bläst ins Gesicht, die Backen werden rot und es macht so viel Spaß! Kinder, hier auf dem Österberg, freuten sich über den frischen Schnee. Bild: Faden

Katja und Carolin haben inzwischen die Komfortzone – sanfter Hang und kurzer Anstieg – hinter sich gelassen und schleppen ihre Bobs bis an die obere Hangkante. Dort hat man einen Blick wie aus einem Flugzeug auf das Geschehen in der Tiefe. „Machen wir ein Rennen?“, fragt Katja und stößt sich nach unten. Ein wilder Ritt. Jeder Wiesenbuckel schmeißt einen schier vom Sitz, Schnee und Wind lassen die Augen tränen. Und dann muss man im unteren Drittel noch aufpassen, keinen umzumähen. Jetzt wird's Katja doch kalt. Macht nichts. Denn ein heißer Kakao ist schnell zur Hand. Eine Familie hat auf den Trubel in ihrer Straße mit einem „Après-Rodel“ reagiert: Bierbänke mit Decken rausgestellt und die Kinder hinter einen Tisch gesetzt. Dort bieten sie Kaffee, Tee, Kakao, Kinderpunsch und Muffins an. Und wie an den großen Schneebars fehlt auch die Musik nicht: mal Kinderlieder, mal Titel aus der CD „Fetenhits“.

Wärmendes gab es am Samstag auch in Ergenzingen, wo die Freiwillige Feuerwehr die Piste am Pflasterbergle präpariert und ein Zelt aufgebaut hat. Sie schaffte literweise Glühwein und Kinderpunsch ran, sorgte für mehr als 400 gegrillte Rote und ein wärmendes Lagerfeuer. Und damit auch noch bis lange in den Abend hinein gerodelt werden konnte, wurde die Weihnachtsbeleuchtung vom Marktplatz am Rodelhang als „Flutlicht“ wieder aufgestellt. Mindestens 450 große und kleine Rodler folgten der Einladung. Zu dem Rodelevent lud die Feuerwehr Ergenzingen nun schon zum sechsten Mal. Der Startschuss fällt immer kurzfristig, sobald an einem Samstag zum ersten Mal genügend Schnee liegt.

Auch im Steinlachtal bescherte die weiße Pracht Rodelfreunden Pulverschneehänge vom Feinsten. Hoch her ging’s etwa beim Kleingärtnerheim in Bästenhardt: Dort lädt der „Kuhbuckel“ am Ende der Danziger Straße zum Schlittern ein. Das Prädikat „besonders vielseitig“ verdient der Schlittenhang unterhalb der B 27 deshalb, weil beim Rutschen kleine wie größere Kinder gleichermaßen auf ihre Kosten kommen. Hannes, vier und dick eingemummelt, fährt auf der einen Seite stolz mit seinem Holzschlitten den sanft abfallenden Hügel hinunter, während der neunjährige Tim mit seinem Lenkbob auf der linken Seite begeistert über die drei Buckel schanzt: „Das ist praktisch, da muss man nicht erst selbst eine Schanze bauen.“ Und einen „Eiskanal“ gibt’s auch noch, in ihm gleitet man fast bis zum nahen Bach.

In Belsen, oberhalb des Neubaugebietes Pfingstwasen, saust Mario Zimmermann, elf Jahre, auf einem zum Schneeroller umgerüsteten Cityroller den anfängertauglichen Geißhäuser-Hang hinab: „Die Skier habe ich mit meinem Vater anmontiert.“ Wer ein längeres Rodelvergnügen möchte, der ist an der „Kragenbrücke“ richtig – erreichbar durch den Bästenhardtwald oder vom Belsener Bahnhof aus, hinter der Federstraße den Weg am Wald entlang: Das Eis hält sich lange auf der schattigen 250 Meter-Piste. Der siebenjährige Jonas kriegt die Kurve bei der Bahnunterführung schon gekonnt alleine auf seinem roten Plastikschneeflitzer, seine vierjährige Schwester hingegen überlässt das Lenken lieber noch dem Papa – nichts für Rodelneulinge, „Rodeln auf eigene Gefahr“ ist auf einem Schild zu lesen.

Auf eine noch längere Abfahrt machen sich Hanna, zehn, und ihre Freundinnen in Mössingen beim CVJM-Heim Aible, an der Verbindungsstraße nach Talheim: Mehrere Minuten am Stück lässt es sich hier auf einem Sträßchen – teilweise in Serpentinen – runterrodeln, wenn man die Anhöhe bei den „Linden“ unterhalb des Farrenbergs erst erklommen hat. Wer vom rechten Weg abkommt, landet allerdings schon mal im Graben.

11.01.2010 - 07:30 Uhr | geändert: 11.01.2010 - 07:54 Uhr
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