Unsere Vorfahren waren gar nicht so primitiv, wie Wissenschaftler lange dachten. Um das zu beweisen, hat der Tübinger Archäologe Nicholas Conard fast sein ganzes Leben lang im Dreck gewühlt.
Tübingen Eine nackte, ziemlich pummelige Frau hat Nicholas Conard berühmt gemacht: Weltweit druckten Zeitungen das Foto, auf dem der Archäologe die vollbusige Dame in der Hand hält. Die ist zwar nur sechs Zentimeter groß, aber mit 40 000 Jahren die älteste Menschenfigur der Welt.
Die Geschichte des Menschen musste in Teilen umgeschrieben werden, denn Conard hatte bewiesen, dass unsere Vorfahren viel intelligenter waren als gedacht. Zweieinhalb Jahre ist dieser Fund nun her, und seitdem ist es ruhig geworden um Conard und sein Team von der Universität Tübingen. Aber das könnte sich bald ändern: In diesem Jahr wird es bei den Grabungen auf der Schwäbischen Alb spannend.
Im Sommer diesen Jahres will sich der 49-jährige Professor mit seinem Team im "Hohlen Felsen" bei Schelklingen (Alb-Donau-Kreis) nach längerer Zeit wieder in Schichten aus dem Aurignacien vorarbeiten. In diesen bis zu 40 000 Jahre alten Schichten hatten die Archäologen die berühmte Venus-Figur und die ältesten Musikinstrumente der Welt gefunden. Conard ist selbst gespannt und will versuchen, so oft wie möglich selbst bei den Grabungen zu sein. Aber das ist gar nicht so einfach, schließlich ist er zu einem der gefragtesten Archäologen weltweit geworden. Statt selbst in den staubigen Höhlen nach Schätzen aus der Eiszeit zu graben, reist er immer häufiger im Anzug von einem Kongress zum nächsten.
Eigentlich wollte Conard, der am 23. Juli 1961 in Cincinnati (Ohio/USA) geboren wurde, Architekt werden, genau wie sein Onkel. Doch als der ihm abriet, machte Conard als 15-Jähriger einen Ferienjob bei einer archäologischen Ausgrabung. Die Begeisterung sei sofort dagewesen, erzählt er. "Ich wollte immer schon wissen, wie die Welt um mich herum funktioniert. Wenn ich aus dem Fenster schaue, will ich wissen: Wie ist diese Landschaft entstanden? Wie alt ist sie? Wenn ich atme, will ich wissen, was ich da einatme. Das ist ja nicht einfach Luft, sondern Stickstoff, O2, CO2 und vieles mehr. Ein Leben ohne dieses Wissen wäre für mich inakzeptabel." Bei seinen Eltern war er mit diesem Wissensdurst genau richtig. Beide forschten als Literaturwissenschaftler an der Universität. "Mein Vater interessiert sich für alles. Der steht morgens auf und liest jeden Tag die Zeitung mit einem Stift in der Hand und unterstreicht fast jeden Satz." Sein Studium führte den Amerikaner schließlich nach Deutschland.
In Freiburg, Köln, New York und an der Elite-Hochschule Yale University in New Haven (USA) studierte er Chemie, Physik und Geologie. 1990 promovierte er über Neandertaler-Fundplätze in Deutschland. 1995 wurde er Professor für Ältere Urgeschichte und Quartärökologie an der Universität Tübingen. "Meine Mutter fragt immer noch: Wann kommst Du zurück in die USA? Und dann antworte ich: Hier in Tübingen ist alles optimal für mich." Das kalkhaltige Gestein der Schwäbischen Alb biete einem Archäologen perfekte Bedingungen. Fundstücke bleiben in den Höhlen über zehntausende Jahre erhalten.
Viele Archäologen sind durch Conards Grabungserfolge inzwischen überzeugt, dass auf der Schwäbischen Alb vor 40 000 Jahren das erste Kulturvolk der Welt gelebt hat. Conard selbst hält dieses Modell jedoch für "schwabozentrisch". Zu simpel scheint ihm die Vorstellung, dass allein ein Ur-Schwabe die Musik und sein Höhlen-Nachbar die darstellende Kunst erfunden hat. Der 49-Jährige glaubt eher, dass ähnliche Fundstücke eines Tages auch anderswo auf der Welt entdeckt werden.
Trotzdem sichert ihm das Grabungsgebiet auf der Schwäbischen Alb die Aufmerksamkeit seiner Fachkollegen. Nachdem sich Conard in den letzten zwei Jahren durch Schichten gegraben hatte, die archäologisch gesehen eher langweilig sind, wird es nun wieder spannend werden. Im Juli und August will sich das Team wieder in Schichten aus dem Aurignacien vorarbeiten. Was er diesmal finden könnte, darüber macht sich Conard noch gar keine Gedanken. "Die Realität hat zuletzt ohnehin alles übertroffen."