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Bald ist Weltsozialforum

33. Buko-Kongress suchte wirtschaftliche und politische Alternativen

Sie sind Menschenrechtler, Gartenaktivisten oder Militarismuskritiker. Beim 33. Bundeskongress Internationalismus (Buko) trafen sich rund 500 Aktivist(inn)en im Tübinger Sudhaus.

DOROTHEE HERMANN
„Die Europäer sollten die großen Multis anklagen“, rief Madjiguène Cissé (links, in Rot) am ... „Die Europäer sollten die großen Multis anklagen“, rief Madjiguène Cissé (links, in Rot) am Freitagabend im vollbesetzten Sudhaus-Saal. Neben ihr Seyoum Habtemariam, Emanuel Matondo, Muepo Muamba und Maria Nemeth.

Tübingen. Vier Tage lang brummte das alternative Kulturzentrum im Tübinger Süden vor Konzepten, die der neoliberalen Weltordnung etwas entgegen setzen wollen. Unter dem Motto „Kollektive Aneignung statt globaler Enteignung“ traf sich dort der 33. Bundeskongress Internationalismus (Buko). Auch die Mörikeschule wurde zum Buko-Ableger.

Unter den internationalen Gästen war die Senegalesin Madjiguène Cissé, die in Frankreich und Deutschland durch ihren Einsatz für so genannte illegale (papierlose) Einwanderer bekannt wurde. Die Internationale Liga für Menschenrechte ehrte sie deshalb mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille.

Mobiltelefone statt der Marseillaise

Die 59-Jährige lebt seit zehn Jahren wieder im Senegal, wo sie das Frauennetzwerk Refdaf gründete. Die Initiative bietet Frauen Ausbildungsmöglichkeiten, „damit sie nicht nur von Mikrokrediten leben müssen und etwas Wichtigeres machen können“, sagte Cissé bei der Podiumsdiskussion am Freitagabend über die Nachwirkungen der Berliner Afrika-Konferenz 1885. Damals vereinbarten zwölf europäische Staaten, das Osmanische Reich und die USA die Zerstückelung des afrikanischen Kontinents, „um sich den uneingeschränkten Zugang zu den Rohstoffen zu sichern“, sagte Moderator Emanuel Matondo von der Antimilitaristischen Menschenrechtsbewegung Angola. Diese Politik habe den organisierten Massenmord an Millionen Schwarzen zu verantworten. Deshalb forderte Matondo eine juristische Aufarbeitung: „Die Staaten, die damals die Aufteilung Afrikas festgelegt haben, gehören vor Gericht.“

Formell sind zahlreiche afrikanische Staaten seit 50 Jahren souverän – tatsächlich haben sich die Abhängigkeiten nur verschoben, so Cissé: 1958 hing in ihrer Schule in Dakar die französische Trikolore, erzählte sie. Jeden Morgen sangen die Kinder im Schulhof die Marseillaise. Das ist vorbei, „aber die landesweite Telefongesellschaft heißt ,Orange’ wie in Paris.“ Senegalesische Fischer seien arbeitslos, weil hochtechnisierte europäische Fangflotten ihnen nichts mehr übrig lassen. „Es kann nicht so weitergehen, dass 80 Prozent der Weltbevölkerung missachtet werden, keinen Wert haben“, rief Cissé den rund 350 Zuhörern zu: „Die Europäer sollten den Mut haben, die großen Multis und Monopole zu denunzieren: Die machen die Welt kaputt“, sagte sie mit Blick auf das nächste Weltsozialforum 2011 in Dakar.

In Afrika betrieben die Kolonialmächte die Enteignung eines ganzen Kontinents. „Es kamen Missionare, dann Forscher, dann Militärexpeditionen“, sagte der Moderator. „Dahinter standen Adlige, Intellektuelle – eure Helden“, so Matondo an die Zuhörer gerichtet. „Basis-Europa muss sich mit Afrika zusammentun. Wir haben Erfahrung mit Strukturanpassungsprogrammen aufgrund von Verschuldung und mit Räuber-Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds.“

Auch die Kirche half den Kolonialherren

Unter den Zuhörern beim Afrika-Podium war die Tübinger Pfarrerin Beate Schröder von der evangelischen Eberhardsgemeinde: „Weil auch die Kirche am Kolonialismus beteiligt war.“ Schröder interessierte sich zudem für den Buko-Schwerpunkt Commons (Gemeingüter): „Wie gehen wir mit Wasser, Wind oder Bildung um angesichts der zunehmenden Privatisierung?“ Soziale Bewegungen sind für sie Hoffnungsträger gemäß dem christlichen Glaubensgrundsatz: „Eine andere Welt ist möglich.“ Zudem sieht die Pastorin die Kirche als Anwältin für Menschen, die im Zuge der Privatisierung ausgegrenzt werden.

Der Biobauer Herbert Paix aus dem badischen Bad Krozingen solidarisiert sich mit Gartenaktivisten, die aufgegebene Felder und städtische Brachen besetzen und in Gemeinschaftsgärten verwandeln. Der 29-Jährige kämpft dagegen, dass Saatgut patentiert und damit privatisiert wird. „Das bedeutet, die Ernährungsautonomie der Menschen aus der Hand zu geben“, sagte er.

Wer der Buko ist, und wofür er sich einsetzt

In der Bundeskoordination Internationalismus (Buko) sind mehr als 120 Dritte-Welt-Gruppen, entwicklungspolitische Initiativen und Solidaritätsgruppen zusammengeschlossen. Sie setzen sich ein für ein herrschaftsfreies Zusammenleben aller Menschen. Deshalb kritisieren alle Buko-Mitglieder den Kapitalismus und die neoliberale Globalisierung. Aktuell wenden sie sich vor allem gegen die Privatisierung von natürlichen Ressourcen, die europäische Abschottungs- und Abschiebepolitik sowie den Umbau der Bundeswehr zur Interventionsarmee. Den 33. Kongress vom 13. bis 16. Mai organisierten 15 Tübinger Initiativen und Einzelpersonen wie die Informationsstelle Militarisierung, das Bündnis gegen Abschiebehaft, der Tübinger Weltladen und das Zentralamerikakomitee.

17.05.2010 - 08:00 Uhr | geändert: 17.05.2010 - 08:08 Uhr
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