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Kalte Fiaß und Bombole

30.000 sahen den großen Rottenburger Ommzug

Fast 90 Narren-Gruppen machten gestern Nachmittag die Runde durch Rottenburgs Straßen. Zunächst noch bei Sonnenschein, doch dann vernebelten Hexen zusehends das wärmende Licht.

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WALTHER PUZA

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Rottenburg. Den Winter austreiben. Wenn das die Fasnet schafft, wären sicher einige froh. Ob es aber sinnvoll ist, bis Aschermittwoch die Wintervorräte zu verbrauchen und danach fastend auf den Frühling zu hoffen, scheint dieser Tage mehr als fraglich.

Den gestrigen Rottenburger Ommzug hatte der Winter jedenfalls fest im Griff. Das machte sich jedoch nur bei den Zuschauerzahlen bemerkbar. Sie sollen laut Schätzung der Polizei auf 30 000 (Vorjahr: 35 000) gesunken sein.

Nur selten stand das Volk vor dem Nichts, sprich vor einem Loch im Umzug. In rekordverdächtigen 85 Minuten sprangen beispielsweise am Marktplatz die knapp 90 Gruppen durch; angeführt wie immer vom Grealenger: „I bin der Grealenger, der Ommzug kommt glei.“ Ihm folgte traditionell der älteste Fanfarenzug Deutschlands. 1504 ist er in Bretten gegründet worden.

Etwas verschlafen und trotzdem das Tempo mithaltend dann die Wallbacher Schnarchzapfen aus dem Badnerland. Und mit den Heuberger Hexen – böse Zungen nennen sie Klone der Stadthexen – folgte an Nummer Drei schon die erste Rottenburger Gruppe.

Wild sprang die Ommzugs-Aufstellung durch die gesamte süddeutsche Landschaft. Raidwangener Käsjäger streichelten mit Käseecken das Publikum. Im Häs der Stuttgart-Hofener Scillamännle erblühten die ersten Blausterne. Die Großbettinger Stoiadler ließen laut ihre Karbatschen schnalzen. Derweil spielten die Bergstadtfetzer aus St. Georgen in fröhlicher Guggen-Manier „Im Wagen vor mir“.

Da fuhr allerdings kein kleiner, sondern ein 20 Meter langer Lastwagen mit 340 Pferdestärken. Auf ihn montiert befand sich ein ausgewachsenes Piratenschiff – die „Bloody Mary“ der Glotterpiraten. Sieben Meter über dem Asphaltspiegel soll ihr höchster Punkt liegen. Noch nie ward derartiges zuvor in Rottenburg gesehen. Dieser Wagen beeindruckte nicht allein durch seine schiere Größe, sondern faszinierte zudem durch ausgelassene Party-Stimmung, die er mit seiner Besatzung verbreitete. Die kleine Rote Garde der Tänzer und Brauchtumspfleger Filderer lief da fast unbemerkt hinterher.

Artikelbild: 30.000 sahen den großen Rottenburger Ommzug

Rottenburgischer Natur wiederum die hiesige Freie Hexengruppe. Seit Jahren fährt sie mit ihrem riesigen Hexenbesen durch die Gassen. Die reitende Hex kann auf diese Weise das Konfetti spielend leicht direkt in die Krägen der überraschten Zuschauer streuen. Andere Hexen wiederum machten sich einen großen Spaß daraus, am Straßenrand in den Schneematsch zu springen, auf dass dieser dem Publikum bis hoch auf die Brillengläser pflatschte. Für komplette Düsternis sorgten schließlich die Rottenburger Wengert-Hexen, als sie auf dem Marktplatz aus ihrem Kessel schwarze und rote und stinkende Rauchschwaden aufsteigen ließen.

Etwas störrisch zeigten sich da die Obernauer Esel – sie ließen zu den vor ihnen Laufenden eine kleine Lücke. „‘S goht dagega“, dürfte sich eine weitere Laufgruppe aus Obernau gedacht haben. Die Rommelstäler sind ja bekannt für ihre vielen privaten Laufgruppen. Aber aus irgendeinem Grund scheinen sie nicht alle rechtzeitig angemeldet gewesen zu sein. Im WM-Fieber liefen sie dennoch und ganz südafrikanisch mit. Auf ein Schild hatten sie sichtbar ihren Protest geschrieben: „Narrenzunft ‚Arrogant‘ drängt uns Kleine an den Rand“.

Artikelbild: 30.000 sahen den großen Rottenburger Ommzug

Viele private Laufgruppen gehören zur Tradition des Ommzugs. Für eine Bootsanlegestelle bei der neuen mittleren Brücke warben die Gondoliere der Laufgruppe Greiner: „Gondola, Gondola – Italien am Neckar, Venedig ist überall!“ Die Ansager auf dem Rathausbalkon wussten schon mehr. Nach ihren Informationen sollen im Rottenburger Hafen nicht nur drei Gondeln Platz finden, sondern auch Affenpaules Nixe. Aufgemischt von den Gassenjuggern zeigten sich die Frechen Früchtchen diesmal feurig. Und die August-Gruppe aus Hirschau feierte fröhlich ihr 30-jähriges Bestehen.

Fast alle Bürgermeister aus der Gegend, dazu Gemeinde- und Kreisräte, Staatssekretäre und Landtagsabgeordnete fanden sich auf der Ehrentribüne. Auffällig dabei Monika Bormann (CDU) mit ihrem Mann. Weil der ein Kölscher Jeck ist, stand das Paar im Häs der Kölner Narrenzunft 1880 vor dem Rathaus. Aber es passte, weil auch die Kölner in Rot und Weiß strahlen – genau wie der Narrenratswagen am Ende des Zugs, aus dem die Schokoladen und Bombole in Massen flogen.

14.02.2010 - 21:40 Uhr | geändert: 19.02.2010 - 09:13 Uhr

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