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9000 Rockfans feierten beim Festival in Seebronn

Woodstock-Wetter beim Rock of Ages

Etwa 9000 Festivalbesucher, so schätzt die Polizei, lauschten beim Rock of Ages in Seebronn am Wochenende dem Sound der Musikveteranen Eric Burdon, Jethro Tull, Thin Lizzy, Molly Hatchet und Slade und anderen Bands wie den Partymachern von The Boss Hoss.

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Martin Zimmermann
Legendäre Rockstars der 1970er Jahre wie Jethro-Tull-Frontmann Ian Anderson (ganz links), Eric ...

Seebronn. Der durch den Regen am Freitag aufgeweichte Boden vermittelte Woodstock-Atmosphäre, Hippie-Mädchen die sich nackt im Schlamm suhlten suchte man beim Rock of Ages allerdings vergebens. Rechtzeitig zum Hauptprogramm mit Slade und Jethro Tull hatte der Wettergott am Freitagabend allerdings ein Einsehen und die Rockfans, viele in Motorradkutten und mit Cowboyhüten auf dem Kopf, hörten wie Slade ihre Mitgröl-Hits mit krächzender Stimme und eintönigen Riffs hintereinander abnudelten.

Artikelbild: Woodstock-Wetter beim Rock of Ages

Jethro Tull, mit einem mit zunehmender Dauer des Konzerts immer besser aufgelegten Frontmann Ian Anderson, benötigten dagegen keine Hits. Mit seinem Charisma, seiner unverwechselbaren Stimme und den spontan wirkenden Improvisationen auf Querflöte und Mandoline kann Anderson eigentlich alles spielen – auch höfische Tänze des 15. Jahrhunderts – und seine Zuhörerer in Bann ziehen. Der Bühnen-Derwisch, der bei seinen Gesangsmonologen zuweilen wie ein Shakespeare-Darsteller wirkt, hat in seinen schlangenartigen Bewegungen nichts an Geschmeidigkeit verloren. Den bekanntesten Hit „Locomotive Breath“ spielte er erst als Zugabe. Einigen Rockfans war der musikalische Anspruch Andersons wohl zu hoch; sie schliefen zu diesem Zeitpunkt ihren Rausch aus.

Artikelbild: Woodstock-Wetter beim Rock of Ages

Am Samstag besserte sich das Wetter ebenso wie die Stimmung vor und hinter der Bühne. Während sich die Schweden-Rocker von Treat hinter dem Bühnenvorhang mit gegenseitigem Anrempeln und Abklatschen auf den Auftritt vorbereiteten, stiegen die Rockerinnen von Girlschool nach fetzigem Auftritt schwitzend von der Bühne und kündigten an: „Jetzt ziehen wir uns um und dann stürzen wir uns in die Party.“ Die Musikerinnen hatten sichtlich Spaß, auch am Smalltalk mit den Fans, mit denen sie sich bereitwillig fotografieren ließen und deren Autogrammwünsche sie erfüllten.

Die Südstaaten-Rocker Molly Hatchet waren Samstagmorgen, am Geburtstag von Frontmann Dave „Hell Yeah“ Hlubek, aus Virginia eingeflogen. Nach dem Auftritt erzählte Bassist Tim Lindsey, der Mann mit der Buffalo-Bill-Frisur, im Backstage-Bereich wild gestikulierend eine lustige, offenbar selbst erlebte Jagdgeschichte von einem Hirsch, der in ein Hornissennest trat. Wer Zugang zum Bereich hinter der Bühne hatte, konnte auch Zeuge einer wundersamen Wandlung werden: Der 70-jährige Eric Burdon, der sich zuvor über die Klimaanlage des Hotels beschwert hatte, entstieg als Florida-Rentner mit Hawaiihemd und Sonnenbrille dem Taxi, zog sich mit beiden Händen am Geländer mühevoll die steile Treppe hinter der Bühne hinauf und ließ sich von seiner Assistentin den Asthma-Inhalator reichen. Kaum stand er aber mit seinem Hit „When I was Young“ vor dem Publikum, schien derselbe Mann mit einem Mal 30 Jahre jünger zu sein. Er ließ die Hüften kreisen, flirtete mit den Fans und bewies, warum er immer noch als bester weißer Bluessänger gilt und dass er nichts von seiner Stimme verloren hat. Als er „House of the Rising Sun“ intonierte, schien der Matsch unter den Füßen der Zuhörer zu den Sümpfen Louisianas zu werden. Anschließend erfüllten Thin Lizzy mit ihren Hits „Whiskey in the Jar“ und „The Boys are back in Town“ die in sie gesetzten Erwartungen und kopierten in ihrer neuen Besetzung den Sound, den man von den alten Platten kennt.

Die Fotografen – unter ihnen auch ein Reporter eines slowenischen Heavy-Metal-Magazins – durften jeweils nur die ersten drei Lieder jeder Band vom Graben zwischen Bühne und Publikum aus fotografieren. Besonders eitel zeigte sich Ian Anderson, der nur von rechts fotografiert werden wollte.

Für den größten Andrang bei der Autogrammstunde am Holzhaus sorgten aber The Bosshoss. Die Country-Rock-Partyband mit dem Schlachtruf „Yes Sir“ aus Berlin rekrutierte ein deutlich jüngeres Publikum als die Bands zuvor und brachte die Stimmung mit Showeffekten, wie spritzendem Bier auf der Trommel zum Kochen. Es gelang ihnen sogar, die vorderen Reihen dazu zu Bewegen im Matsch zu knien, um dann auf ein Signal hin aufzuspringen.

Veranstalter Horst Franz ist mit der äußerst heterogenen Zusammenstellung der Bands und ihrer Fangruppen ein großes Risiko eingegangen. Eine Strategie, die auch wegen des Wetters am Samstag deutlich besser aufging als am Freitag. Insgesamt ist es ihm aber auf beeindruckende, wenn auch zuweilen etwas chaotische Weise gelungen, seine Vision eines „familiären“ Musikfestes umzusetzen. Es gibt wohl tatsächlich kaum ein Festival, bei dem die Fans die Möglichkeit haben, so nah an ihre Idole heranzukommen wie auf den Wiesen von Seebronn.

01.08.2011 - 08:30 Uhr | geändert: 08.08.2011 - 19:06 Uhr

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