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Mit Amtskette und Uhr

Stefan Neher will Bildung Vorrang geben

Die ihm übertragene Verantwortung im Amt des Oberbürgermeisters will Stephan Neher „nutzen, um etwas Gutes für die Stadt zu machen“. Am Freitagabend wurde er vereidigt.

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Gert Fleischer

Rottenburg. Nachdem er den Eid geleistet, die Amtskette um den Hals gelegt und reichlich Glückwünsche gehört hatte, hielt Neher eine programmatische Rede. „Wir müssen auf die Bremse treten“, sagte er, bezogen auf die Finanzen. Morgen Abend wolle der Gemeinderat die Zweitwohnungssteuer beschließen. Auch Eltern trifft es: „Wir werden die Kindergartenbeiträge nicht mehr unterm Landesrichtsatz halten können.“

Neher dankte seinen Vorgängern, dass sie „den Verwaltungsapparat sehr schlank gehalten“ haben, dass Klaus Tappeser mit seiner Verwaltungsreform vor sechs Jahren den Personalstand dem geringeren Finanzvolumen angepasst hat.

Auch wenn es mal unterschiedliche Meinungen innerhalb der Verwaltung oder im Gemeinderat gebe, hätten alle „ein gleiches Ziel: das Wohl der Stadt“. Er wolle sich als OB nicht verbiegen und seine Meinung klar formulieren. Aber „es wäre ja komisch, wenn immer nur der OB die besten Ideen hätte.“ Neher bekannte sich zur Eigenständigkeit der 17 Stadtteile, zu Kindergarten, wenn möglich Schule, zu Feuerwehr, Ortsvorsteher und Ortschaftsverfassung. „Wir müssen aber die Ortskerne attraktiv halten“, sagte er. Das bedeute manchmal, „bestehende Bausubstanz abzutragen und neue Zuschnitte zu wagen“. Froh sei er, dass das Bischöfliche Ordinariat so stark renoviert, erweitert und investiert.

Über die hohe Exportquote Deutschlands kam der OB zum Appell, in neue Technologien zu investieren. Weltweites Bevölkerungswachstum und Klimawandel erforderten, dass jeder Mensch pro Kopf im Jahr im Jahr 2050 nur noch halb so viel Kohlendioxid erzeugen darf, bloß um in der Summe den jetzigen Ausstoß nicht zu vergrößern. Nur sehr gut ausgebildete Menschen könnten dies schaffen.

Die bunte Amtskette hatte er schon, vom Ersten Bürgermeister Volker Derbogen erhielt Stephan Neher ... Die bunte Amtskette hatte er schon, vom Ersten Bürgermeister Volker Derbogen erhielt Stephan Neher (rechts) gerade die Rottenburg-Uhr. Unser Bild zeigt von links Regierungspräsident Hermann Strampfer, Karin und Volker Derbogen sowie Nehers Lebensgefährtin Nicola Krause-Heiber. Bild: Mozer

„Sehr erschreckt“ habe er vernommen, wie stark in Deutschland die soziale Herkunft von Menschen über ihre Bildung entscheidet. Also müsse „die soziale Ausgrenzung der Leute ganz früh schon verhindert werden“. Kindergärten benötigten hohe pädagogische Qualität sowie ausreichende finanzielle und personelle Ausstattung. Neher: „Die kommunale Familie nimmt die Herausforderung an, muss aber von Bund und Land die notwendigen finanziellen Mittel erhalten.“

Die Instandsetzung der Schulen habe Vorrang. Dort müsse Begeisterung zum Lernen geweckt werden. Da viele Eltern nicht mehr in der Lage seien, ihren Kindern Grundkompetenzen zu vermitteln und ihnen zum Schulerfolg zu verhelfen, „müssen wir uns präventive Kooperationsmodelle überlegen, wie solchen Kindern die Motivation zum schulischen Erfolg gegeben werden kann“.

Dazu gehöre auch die Integration der Einwohner/innen mit Zuwanderungsgeschichte. Sie sollen sich einbringen, um Parallelgesellschaften zu verhindern. Neher zitierte Perikles: „Wer an den Dingen seiner Gemeinde nicht teilnimmt, ist kein stiller Bürger, sondern ein schlechter Bürger.“

Stolz ist Neher auf die Stadtwerke, die mehr als 25 Prozent des in der Kernstadt benötigten Stroms durch Wasserkraft und Sonnenenergie erzeugen. Da sei sogar sein Tübinger Kollege Boris Palmer neidisch. „Stimmt“, rief der laut und applaudierte demonstrativ. Rottenburg, so Neher weiter, habe einiges abgeguckt von „Tübingen macht blau“, habe etwa abschaltbare Steckerleisten im Rathaus eingesetzt und Energiesparlampen.

Vor Neher hatten Erster Bürgermeister Volker Derbogen für die Verwaltung, Ursula Sieber für den Gemeinderat und Kurt Hallmayer für die Ortsvorsteher dem OB gratuliert und vertrauensvolle Zusammenarbeit angeboten. Sieber hatte als SPD-Frau, die seit 28 Jahren Stadträtin ist, auch Mahnendes für den OB, der vier Jahre jünger sei als ihr ältester Sohn. Hallmayer lobte Nehers reichliche Präsenz in den Dörfern und brachte kleine Geschenke. „Einen Bauplatz“, sagte er, „können wir aufgrund der Finanzlage leider nicht schenken.“

Regierungspräsident Hermann Strampfer gratulierte, besonders von Ministerpräsident Stefan Mappus. Er dankte Neher, der zu den jüngsten OBs im Land gehöre, für dessen Professionalität im Amt während der langen Zeit, in der das Wahlergebnis noch angefochten war. Aktuell-politisch bezog sich Strampfer auf die geplante Bundesstraße 28 zwischen Rottenburg und Tübingen: „Wir brauchen diese Straße dringend. Was wir aber auch brauchen, ist Einigkeit.“

Bischof Gebhard Fürst flocht seine Rede um den Psalm „Wenn nicht der Herr die Stadt bewacht, wacht der Wächter umsonst.“ Er sei zufrieden mit dem partnerschaftlichen Verhältnis, das seit vielen Jahren in Rottenburg zwischen Kirche und Stadt bestehe. Der Bischof wünschte dem OB „die Kraft beharrlicher Besonnenheit“.

Nach Nehers Rede spielte die Stadtkapelle „Start frei“. Gebannt beobachtenen viele im Publikum, wie Arno Hermann das Orchester dirigierte. Dann ging‘s ans Buffet.

01.03.2010 - 08:30 Uhr | geändert: 01.03.2010 - 09:24 Uhr

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