Wie vor 150 Jahren die Fabrikarbeit den Sportunterricht nötig machte, so brauchen auch die Kinder der digitalen Revolution ein neues Schulfach „Kontemplation“. Das fordert Frank Schirrmacher, der auf Einladung der Volksbank Herrenberg-Rottenburg am Donnerstagabend in der Festhalle sprach.
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willibald ruscheinski
Menschen müssen individuell und kollektiv die Kontrolle über ihr Denken erst wieder zurückgewinnen, sagt Frank Schirrmacher.Bild: Franke
Rottenburg. Gut 350 geladene Teilhaber und Kunden kamen zu Folge neun der Bank-internen Veranstaltungsreihe „Kultur live“, um den Feuilletonisten und Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zu hören. Bereits vor zwei Jahren ist „Payback“ erschienen, Schirrmachers Buch über die Folgen des Internets für die gesellschaftliche Entwicklung. Live vor Publikum sucht der Autor immer wieder aktualisierende Updates einzustreuen – etwa, wenn er den Effekt der neuerdings „in Echtzeit“ eintreffenden Nachrichten auf die „immer kurzatmiger werdende“ Politik beschreibt.
Schirrmacher geht es aber nicht um einzelne Aspekte, sondern die Gesellschaft insgesamt. Und er will seine Kritik an der digitalen Revolution nicht als Kulturpessimismus missverstanden wissen. Selbstverständlich brächten die neuen Technologien „viel Positives“, gerade auch älteren Leuten. Andererseits offenbare nicht erst die jüngste Staatstrojaner-Affäre, wie abhängig sich Institutionen von Software machen, „die niemand mehr versteht“.
Als Vergleichsobjekt fürs Verständnis dessen, was der Menschheit gerade widerfahre, zieht Schirrmacher die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts heran. Damals stellten Unternehmer fest, dass die Leistung ihrer Arbeiter binnen kurzem rätselhaft drastisch nachließ. Untersuchungen brachten ein „Fatigue“ genanntes Erschöpfungssyndrom an den Tag, verursacht von der Fabrikarbeit, an die der menschliche Organismus nicht angepasst war. Zur Kompensation begannen die Menschen damals Sport zu treiben und führten Turnunterricht an den Schulen ein.
Vergesslichkeit macht sich breit
Auch die digitalen Systeme als „erste Technologie, die direkt mit dem Gehirn arbeitet“, verursachen messbare neurophysiologische Veränderungen und Leistungsabfälle an den Menschen, die ihnen ausgesetzt sind, sagt Schirrmacher. Unübersehbar seien Konzentrationsstörungen und eine „endemische Vergesslichkeit“, die in allen entwickelten Ländern auftreten. Betroffen sind auch junge Leute, die bereits mit dem Internet aufwuchsen.
Ursache sei der vom PC ausgehende „Zwang zum Multitasking“. 90 Prozent aller Nutzer, die einen E-Mail oder SMS bekommen, so Schirrmacher, müssten diese unbedingt öffnen. Und dies nicht aus freien Stücken, sondern weil ihr Körper sie per Adrenalinausstoß dazu nötige. Wer sich aber schon einmal habe stören lassen, der erledige gern auch gleich noch etwas Drittes. Mit dem Effekt, dass Menschen, wie gemessen worden sei, im Schnitt 25 Minuten bräuchten, bis sie die ursprüngliche Arbeit wiederaufgenommen hätten. Der meistgehörte Satz in deutschen Büros laute deshalb inzwischen: „Was zum Teufel wollte ich eigentlich gerade tun?“
Richtig von neuem auf etwas konzentrieren könne sich der Mensch aber „höchstens drei oder vier Mal“ pro Tag,. ab da beginne er an „Ich-Erschöpfung“ zu leiden. Und die äußere sich darin, dass es nach Feuerabend nur noch zum Soap-Opera-Gucken im Fernsehen reicht. „Machen Sie sich kein schlechtes Gewissen, wenn Sie kein gutes Buch lesen wollen“, tröstete Schirrmacher: „Es geht einfach nicht mehr.“
Einen nicht minder folgenschweren Effekt der Digitalisierung sieht Schirrmacher im wachsenden Glauben an die Berechenbarkeit menschlichen Lebens und dem Verlust an Intuition. So überlasse IBM die Auswahl von Neueinstellungen inzwischen komplett Computerprogrammen. Aber auch die Liebe werde kalkulierbar: Zumindest bei den gesetzteren Jahrgängen über 30 sei die Partnervermittlung auf digitaler Basis „sehr erfolgreich“.
Am „durchdigitalisierten“ amerikanischen Gesundheitssystem ließen sich allerdings auch die Gefahren ablesen: Informationen zum Patienten und erste Diagnosen seien immer schneller verfügbar, „aber am Ende des Tages ist keiner mehr da, der die Krankenakte überhaupt noch versteht“. Ärzte seien deshalb schon dazu übergegangen, sich das Wichtigste daraus von Hand aufzuschreiben – eine Übung, die Schirrmacher auch in anderen Zusammenhängen empfiehlt, weil die Schreibhand „direkter mit den Synapsen verbunden“ ist.
Kontemplatives Denken muss geübt werden
Für unausweichlich hält der „FAZ“-Co-Herausgeber die Einführung eines Schulfaches „Kontemplation“. Lernziel: das Gehirn darauf zu trainieren, wie es die Aufmerksamkeits-Fesseln digitaler Systeme abstreift. Und etwa übt, Texte „wieder tief zu verstehen.“ Denn wer das könne, werde einen Vorteil haben und eher zu kreativer Arbeit befähigt sein. Zudem müssten junge Leute mehr als heute unterscheiden lernen, welche Informationen für sie wichtig sind. Und das wiederum sollte bedeuten, zugunsten solch wichtigen operativen Wissens auch den überkommenen schulischen Bildungskanon abzuspecken – denn alles auf einmal sei den Kindern nicht mehr zumutbar.