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Im eigenen Takt zum Abi

Rottenburger Gymnasium will flexiblere Oberstufe

Das Kultusministerium will es künftig den Gymnasien überlassen, ob sie neben dem achtjährigen auch wieder einen neunjährigen Weg zum Abitur anbieten wollen. Vier Schulen in der Region, darunter das St. Meinrad-Gymnasium, haben ein Konzept entwickelt, das den Schülern je nach Bedarf eine Mischform aus G8 und G9 ermöglicht.

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Hete Henning

Rottenburg/Mössingen. „Abitur im eigenen Takt“ heißt das Konzept, das Lehrer/innen des St. Meinrad-Gymnasiums, des Mössinger Firstwaldgymnasiums, des Karl-von-Frisch-Gymnasiums in Dußlingen und des Gymnasiums Neckartenzlingen entwickelt haben. Danach sollen die Oberstufen-Schüler und -Schülerinnen selbst entscheiden, ob sie die Kursstufe in zwei oder drei Jahren absolvieren wollen.

Nach der Einführung des achtjährigen Gymnasiums (G8) habe sich gezeigt, dass etliche Schüler vor allem in der Oberstufe immer wieder Probleme hätten, sagt St. Meinrad-Rektor Anton Hofmann. Manche seien zu jung, andere seien mit der Fülle des Stoffs überfordert. Der Druck sei viel größer als beim neunjährigen Gymnasium (G9). Diesen Druck wollen die vier an dem Konzept beteiligten Schulen künftig verringern. In der Oberstufe, so Hofmann, also ab der 11. Klasse, sollen die Schüler selber ihr Tempo bestimmen können.

Die Initiative für das gemeinsame Projekt, das von der Akademie des Deutschen Schulpreises und der Robert-Bosch-Stiftung unterstützt wird, ging von der Evangelischen Firstwaldschule in Mössingen aus. Auslöser war ein Besuch in Finnland, sagt Firstwald-Rektor Helmut Dreher: „Die haben dort auch eine individuelle, selbst organisierte Oberstufe, in der die Schüler ihr eigenes Tempo gehen können.“ Mit einem ähnlichen System, meint Firstwald-Lehrer Friedemann Stöffler, der die Projektgruppe leitet, könnte „der gordische Knoten zwischen acht- und neunjährigem Gymnasium zerschlagen werden“.

Zwei oder drei Jahre für den gleichen Stoff

Bis einschließlich Klasse 10 soll nach den Überlegungen der Projektgruppe nach dem derzeitigen G8-Standard unterrichtet werden. Danach soll dann der Stoff der Kursstufen-Halbjahre in den einzelnen Fächern in Module aufgeteilt werden, wodurch sich ganz neue Möglichkeiten ergeben. Während die einen Schüler glatt in vier Halbjahren zum Abitur durchgaloppieren, könnten etwa Realschüler, die neu ans Gymnasium gekommen sind, ein zusätzliches Jahr zur Eingliederung ins Kurssystem bekommen. Zwei Halbjahre mehr könnte es auch für Schüler/innen geben, die beispielsweise nach einem Auslandsaufenthalt Stoff nachholen wollen oder Zeit für schulische Zusatzangebote brauchen. Auch ausführliche Berufspraktika schon auf dem Weg zum Abitur würden auf diese Weise ermöglicht, sagt Ursula Döttling-Vogt, stellvertretende Schuleiterin am St. Meinrad-Gymnasium. Außerdem soll es den Schülern möglich sein, die Kursstufe von vornherein auf drei Jahre anzulegen, sich also weniger Stoff gleichzeitig aufzubürden.

Besteht ein Schüler einzelne Pflichtmodule nicht, kann er sie nach den Vorstellungen der Projektgruppe später wiederholen. Schließlich, so Döttling-Vogt, könnte sich auch der Fall ergeben, dass Schüler einzelne Teilprüfungen für das Abi bereits nach zwei Jahren ablegt und den Rest dann mit weniger Druck und mehr Zeit zum Lernen ein Jahr später.

Für die Schulen würde das Modulsystem einen deutlich höheren logistischen Aufwand bedeuten, sagen die Rektoren Anton Hofmann und Helmut Dreher. Beide sind aber zuversichtlich, dass es klappen könnte. „Wir haben‘s durchgespielt“, berichtet Dreher, „und die Leute sagen, dass wir das hinkriegen würden.“

Für die Schüler und Schülerinnen würde das Modulsystem mit mehr eigenverantwortlichem Lernen als bisher einhergehen. Auf jeden Fall aber bräuchte jeder Schüler einen Tutor als verlässlichen Begleiter auf dem Weg durch die Kursstufe. Um das zu gewährleisten, sagt Rektor Hofmann, müssten alle Oberstufenlehrer als Tutoren zur Verfügung stehen. Eine Möglichkeit, um ihnen die dafür nötige Zeit zu verschaffen, wäre es zum Beispiel, den Inhalt einzelner Fächer wie etwa Mathe in Form von Vorlesungen zu vermitteln. Dabei kämen auf den jeweiligen Lehrer deutlich mehr Schüler als sonst, was anderen Kollegen mehr Freiraum verschaffen würde.

Das Kultusministerium ist interessiert

Bereits vor Weihnachten stellte die Projektgruppe der vier beteiligten Schulen das „Abitur im eigenen Takt“ im Kultusministerium in Stuttgart vor. Ministerialdirektorin Margret Ruep habe zugesichert, ernsthaft zu prüfen, was von dem neuen Konzept umgesetzt werden könne, berichtet Projektleiter Stöffler. Die Ministerialdirektorin, sagt Firstwald-Rektor Dreher, habe „durchaus bereit gewirkt, solche Wege mitzudenken und mitzugehen“. Das Problem sei vor allem juristischer Natur: Nach einem Beschluss der Kultusministerkonferenz darf die Kursstufe nur zwei Jahre dauern. Juristisch nicht geklärt sei auch die Frage, ob bei Nichtbestehen einzelne Module wiederholt werden dürfen, oder ob wie bisher in allen Fächern ein Jahr drangehängt werden muss. Und ob es möglich ist, einen Teil des Abiturs früher, einen anderen später zu machen. „An der Uni“, gibt Rektor Dreher zu bedenken, „ist es gang und gäbe, die Prüfungen sukzessive abzulegen.“

Die vier beteiligten Schulen würden gerne im Schuljahr 2013/14 mit einem Schulversuch beginnen; das erste „Abitur im eigenen Takt“ könnte dann 2015 abgelegt werden. Wie dieser Versuch aussehen würde, ist laut St. Meinrad-Rektor Hofmann noch völlig offen – „vielleicht genehmigen ihn die Schulträger gar nicht“. Friedemann Stöffler ist guter Dinge, dass nach dem Regierungswechsel „der nötige politische Druck“ da ist, das schon vor der Landtagswahl begonnene Konzept zumindest in Teilen zu verwirklichen. „Wenn das so durchgeht, wird es insgesamt die Abiturlandschaft reformieren“, sagt Stöffler, „das wird Schule machen.“

12.01.2012 - 08:00 Uhr | geändert: 12.01.2012 - 08:16 Uhr
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