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Dosenweise Witze im Regal

Mit "Affenpaule" starb ein Rottenburger Original

Er hatte ein entspanntes Verhältnis zum Tod. Über seinem Bett hing ein menschlicher Schädel, seine Lieblingstiere ließ er ausstopfen, und den Sarg, in dem er jetzt verbrannt wird, hatte er schon vor Jahren in seinem Haus in der Kleegasse eingelagert.

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Hete Henning

In der Nacht zum Dienstag starb Paul Franz, der in Rottenburg vor allem als Affenpaule bekannt war, im Alter von 73 Jahren nach einem Schlaganfall. Sein Albtraum, auf andere Menschen angewiesen zu sein und seine Angelegenheiten nicht mehr selbst regeln zu können, wurde nicht wahr.

Affenpaule im Blaumann mit seinen Aras Jumbo und Lora. Im Hintergrund liegt die „Nixe“. Das ... Affenpaule im Blaumann mit seinen Aras Jumbo und Lora. Im Hintergrund liegt die „Nixe“. Das Foto entstand im Sommer 1998, kurz vor dem 60. Geburtstag des Rottenburgers, der jetzt im Alter von 73 einem Schlaganfall erlag.Archivbild: Mozer

Noch im Krankenwagen habe ihr Vater Witze mit den Sanitätern gerissen, sagt Manuela Franz, „er hatte einen unglaublichen Sinn für Situationskomik“. Nachdem 1994 sein Ausflugs-Tretboot „Nixe“ mit fünf Passagieren und zwei Papageien an Bord gekentert war und nach einigen Stunden mit dem Kiel nach oben schließlich wieder richtig herum auf dem Neckar lag, stellte Affenpaule fest: „Eigentlich hätt‘ mr se gleich onde streiche kenne.“ Die Menschen und Papageien kamen bei dem Unfall nicht zu Schaden, einer der Vögel war jedoch in einer Luftblase unter dem Boot gefangen. Affenpaule zog ihn selber heraus. Der Papagei, sagte er später, habe bei der Gelegenheit „seinen Tauchschein gemacht“.

Die „Nixe“, in der bis zu 13 Passagiere Platz fanden und für deren Fortkommen er stets selbst sorgte, hatte Paul Franz aus dem Rumpf eines verschrotteten Motorboots gebaut. Marke Eigenbau war auch die Kranvorrichtung an seinem Schlepper, mit der er das havarierte Schaufelrad-Schiffchen vor den Augen der Feuerwehr wieder aus dem Fluss hievte.

Affenpaule kam am 9. August 1938 in genau jenem Bett in der Kleegasse zur Welt, in dem er bis zum Schluss schlief. Schon als Kind war er sehr freiheitsliebend: In der Schule glänzte er oft durch Abwesenheit – der kleine Paul verbrachte seine Zeit lieber in dem Garten in der Paradeisstraße, den er als erwachsener Mann zu einem veritablen Zoo mit zeitweilig bis zu 200 Tieren ausbaute. Familien mit Kindern und sogar ganze Schulklassen kamen, um Tigerpython, Kaiman und Alligator, Schildkröten, Nasen- und Waschbären zu sehen. Der Schädel von Shetlandpony Anja ist bis heute erhalten: Affenpaule schnitt ihn nach dem Tod des Pferdchens ab, kochte ihn aus und nagelte ihn vorn an sein Haus in der Kleegasse.

Seinen Spitznamen bekam Affenpaule lange, bevor er sich den ersten Affen zulegte. Er sei, erzählte er seinen Töchtern Claudia Faas und Manuela Franz, schon als Junge wie ein Äffle barfuß die Bäume hochgeklettert. Diese Fähigkeit kam ihm später zupass, als er in Rottenburg für eine Baufirma als Kranführer arbeitete. Als Jugendlicher machte Affenpaule jedoch zunächst eine Malerlehre. Im Alter von 20 Jahren heuerte er in Mannheim als Fluss-Schiffer an. „Er wollte auf Rhein und Neckar ein bissel herumkommen und zugleich daheim sein“, sagt Manuela Franz.

Als er fünf Jahre später in die Heimat zurückkehrte, um seinen Eltern beim Hausbau in der Paradeisstraße zu helfen, hatte er seinen ersten Affen im Gepäck – Susi, eine bösartige Rhesusäffin, die er mit viel Geduld zu einer verträglichen Hausgenossin machte und die jetzt ausgestopft in einer Vitrine im Flur in der Kleegasse hockt. Nach Susi hielten auch Meerkatze Bibbo, Javaneraffe Butz und die Schweinsaffen Sara und Julius Einzug bei ihm.

Hinten ein Anhänger, vorn am Lenker eine Stange mit den Papageien Jumbo und Lora, seinen „Bundesadlern im Faschingskostüm“: So radelte Affenpaule langsam und freundlich nach links und rechts grüßend, Tag für Tag durch die Stadt, hielt hier ein Schwätzchen, sammelte dort ein bisschen Altmetall ein und schaute vor allem nach seiner „Nixe“. Zu seinen Requisiten gehörten außer dem ewigen Blaumann die Sandalen, die er auch im Winter ohne Socken trug, und eine gelbe Zigarrenspitze zwischen den Zähnen. Ruhte er sich einmal auf einer Bank am Neckar aus, legte er gern eine Münze neben sich. Es sei „immer ein gutes Gefühl, wenn man Geld auf der Bank hat“, fand er.

Seine Sammelleidenschaft umfasste unter anderem Schildkröten (in jeglicher Form vom Nachttopf bis zum Salzstreuer), Schiffszubehör und Zeitungsausschnitte. Letztere sammelte Affenpaule in großen Lebkuchen-Dosen, die er mit Schlagworten wie „Elefanten“, „Tennis“ oder „Rentenreform“ beschriftete. Gleich mehrere Dosen tragen das Stichwort „Witze“.

So hilfsbereit und unvoreingenommen, wie er auf Menschen jedweder Herkunft zuging, so stur und unnachgiebig konnte er sein, wenn er sich ungerecht behandelt fühlte. Als Stadträtin Sabine Kracht 2001 nach einem Bootsunglück in Pfullendorf im Gemeinderat anfragte, ob denn die „Nixe“ vom TÜV abgenommen sei und wer bei Schäden hafte, trat sie einen amtlichen Vorgang los, der dazu führte, dass Paul Franz die Personenbeförderung untersagt wurde. Den Streit mit der Stadträtin trug er öffentlich und in geharnischten Worten aus. Dass sie sein „Geiten-Mallorca“, ein zur Enten-Insel umfunktioniertes Surfbrett, als „Vermüllung“ des Neckars bezeichnete, traf ihn besonders. Als die Stadt anbot, die Kosten für TÜV und Versicherung zu übernehmen, damit die „Nixe“ wieder aufs Wasser komme, lehnte der Eigner ab.

Eine öffentliche Trauerfeier für Affenpaule wird es nicht geben, das wollte er nicht. Sein Leichnam wird so, wie ihn jeder kannte, verbrannt: im Blaumann und mit Sandalen ohne Socken.

26.11.2011 - 08:30 Uhr | geändert: 26.11.2011 - 08:51 Uhr

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