Medienkünstler erarbeitet sich den Durchschnitts-Rottenburger
Am Freitag und Samstag saßen hundert Rottenburger/innen vom Rollstuhlfahrer bis zum Bürgermeister Modell für ein Fotoprojekt von Medienkünstler Wolf Nkole Helzle.
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Martin Zimmermann
Rottenburg. Der Künstlerhof erinnerte am Freitag und Samstag ein wenig an Andy Warhols Factory: Menschen kamen und ließen sich fotografieren, einige blieben auf einen Kaffee. Es wurde deutlich, dass Kunst vor allem Kommunikation ist. Bei Medienkünstler Wolf Nkole Helzle kommunizieren nicht nur die fertigen Kunstwerke mit dem Betrachter, sondern die Kommunikation ist bereits in der Entstehung der Werke inbegriffen. So hatte ihm einst bei einem ähnlichen Projekt in Lusaka, der Hauptstadt Sambias, eine alte Frau den Bemba-Namen Nkole gegeben. „Dieses Projekt in Afrika, als ich teilweise ohne künstliches Licht fotografieren musste, hat mich so geprägt, dass ich den Namen behalten habe“, erzählte Helzle.
Aber auch in Rottenburg kam es zu einigen interessanten Begegnungen. Etwa mit der 85-jährigen Rollstuhlfahrerin Hildegard Stehle aus dem „Haus am Rammert“. Stehle interessierte sich sehr für das Kunstprojekt, war doch ihr Mann Eugen einst Kirchenmaler. Weniger für Kunst als vielmehr für die Frage: „Wann bekomme ich was zu trinken“ interessierte sich Sascha. Der mit einem Down-Syndrom geborene Junge bekam im Nebenraum von den Künstlern nicht nur Sprudel, sondern auch Hefezopf.
„Das Besondere in Rottenburg gegenüber vergleichbaren Projekten in Donzdorf und Marburg ist, das hier die Leute von Künstlern organisiert wurden“, meinte Helzle. Dadurch kamen nicht nur die Stadträte Margarete Nohr und Hermann Sambeth, Oberbürgermeister Stephan Neher und Baubürgermeister Holger Keppel, die Theatermacher Sabine Niethammer, Reinhard Kilian und Heidi Heusch, sondern eben auch junge, alte und behinderte Menschen.
Homo rottenburgensis in Scheiben geschnitten
Herbert Schmidt, Vorsitzender des Vereins Künstlerhof, hatte Helzle nach Rottenburg eingeladen, nachdem er ihn in Tübingen gesehen hatte. Helzle hatte unlängst im Sudhaus mit dem Bad Niedernauer Künstler Koho Mori-Newton und dessen Frau Lauren Newton eine audiovisuelle Performance aufgeführt. „Ich habe ihn eingeladen, weil seine Kunst anders ist, als das was wir sonst in Rottenburg machen“, sagte Schmidt. „Wenn ich an einem Bild male, dann will ich ungestört sein.“ Helzle brauche dagegen die Begegnung mit den Menschen. „Sein Thema ist das Individuum in der Gesellschaft“, sagte Schmidt.
Wolf Helzle studierte Malerei und arbeitete dann 20 Jahre in der Computerbranche als Programmierer. Als Künstler vereint er Fotografie mit digitaler Technik. Für den „Homo rottenburgensis“ werden die Portraits der Rottenburger technisch in dünne Scheiben geschnitten und überlagert. So entsteht aus 100 Fotos ein einziges, das quasi das Durchschnittsgesicht aller fotografierten Rottenburger ist – eben der Homo rottenburgensis. Eine andere Form der Präsentation ist das sogenannte Morphing, bei dem ein Gesicht in einer Art Film übergangslos in das andere übergeht.
Helzle ist die internationale Vernetzung und Zusammenarbeit mit anderen Künstlern im Digitalen Zeitalter sehr wichtig. So hat er in Japan bei einem Projekt mit dem Medienkünstler Masayaki Akamatsu einen Fototurm konstruiert, mit dem er die Menschen mit einer Fernsteuerung von oben fotografieren konnte. Wer wissen will, wie das Ergebnis des Rottenburger Fotoprojekts genau aussieht, der muss sich allerdings noch bis zum 10. Juli gedulden. Dann präsentiert Helzle den Homo rottenburgensis beim Künstlerhoffest.
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