In Ergenzingen mobilisierten manche ihre letzten Kräfte
Der letzte große Umzug der Fasnet 2010 im Raum Rottenburg zuckelte am Dienstag durch Ergenzingen. Rund 10 000 Menschen hatten Kurzweil, Freude viel zu schwätzen.
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Gert Fleischer
Die Mötzinger Bommerles-Hexa gibt‘s erst seit wenigen Jahren. Viel modisches Orange hat das Häs, selbst der Hexen-Rauch ist orangefarben. Bild: Mozer
Ergenzingen. Die Leut‘´mussten warten dieses Jahr, der Umzug – mit 56 Gruppen etwa kürzer als in den Vorjahren – setzte sich verspätet in Bewegung. Die Albrecht-Wirt-Straße war ein guter Standort für kleine Kinder, weil dort stets weniger Trubel ist. Es standen Piraten da, Pippi Langstrümpfe, Cowboys, Prinzessinnen, Zauberer in Miniaturformat, sie hüppelten hin und her, während die Eltern die neuesten Geschichten breittraten. „Sie kommen!“, rief ein Bub wie elektrisiert, der als erster gesehen hatte, dass sich ganz hinten der Platz im Zuschauer-Spalier füllte. „Sie kommen ja schon“, gaben sich hingegen die Erwachsenen weniger aufgeregt.
Djangos Wagen aus Eutingen bot erzwungenen, aber dafür kostenlosen Nervenkitzel mit dem Kleinbagger. Und wirklich keine Zoten dieses Jahr? Na, auf einem kleinen Anhänger stand eine: „Komm in meine Wanne, da steht meine Tanne.“ Bild: Mozer
Klar, dass die gastgebende Zunft den Umzug anführte, der Polizist mit dem missmutigen Gesichtsausdruck an der Spitze. Blätzlesbuaba, Stricker. Fleckahuper und Lausbühlhexen – alle waren dabei. Nur der Narrenrat fehlte, doch der musste ja das Ende bilden. Die Narren verteilten reichlich Süßzeug an die Kinder, die Hexen sprachen immerfort „Huhu!“ Schon folgte die Laufgruppe „Junge Familie Ergenzingen“, grün und bunt als Gartenkinder gekleidet. Die Blumenwesen verteilten sogar frische Tulpen unters Publikum.
Flotte Musik trug die Kapelle Börstingen heran, begleitet von den Stumpacher Maale und Weible. Zum Knuddeln schön zog die Laufgruppe „Schäfle aus dem Gäu“ vorbei. Die Rohrdorfer Frösche stachen durch ihre Gift-Farben Grün und Gelb aus der Menge heraus. Geduldig waren diese Närrinnen, brachten die doch manchem Kind die akkurate Aussprache des Narrenrufs bei: Frosch – Schenkel, Frosch – Schenkel!“ Ein kleiner Zorro wusste gar nicht, wie ihm geschah, als ihm eine Fröschin aufklärte: „Du muascht Schenkel saga!“ Zum Glück drängten die Schwenninger Neckar-Fleckle in die Szene. Ganz liberal, das Häs mit blauen und gelben Stoffschindeln bedeckt, ließen sie die fast vier Meter langen Hanf-Peitschen (Karbatschen) knallen. Dahinter rüttelten die putzigen Mettstetter Saibära im Käfig und wollten raus. Die Eutinger Schwobà-Rebellà gaben sich zwar ein wildes Aussehen, spielten aber brav „Die kleine Kneipe in unserer Straße“.
„I soll Dir viele liebe Grüß’ ausrichta“, raunte am Rand des Umzugs ein Hexer ohne Maske einer schönen Schwarzhaarigen aus dem Wolfenhäuser Tross zu, „und soll di ganz fescht in dr Arm nemma. Aber i be z‘faul.“ Nützlicher waren da auf der anderen Straßenseite die Lausbühl-Hexen; sie verkauften Wurst und Glühwein. Ostern schien nicht weit, als die Uhre-Annemeis vom Narrenverein Trossingen auftauchten: Sie hatten alle ein Nest voller Eier auf dem Kopf. Doch Achtung: Die legendäre Annemei konnte Eier aus Rossbollen machen!
Manche Gruppe war gezeichnet vom energischen Kampf gegen den langen Winter. Das ständige Nachfüllen von Frostschutzmittel Tag und Nacht wirkte. In der Gäustraße fiel eine geschlauchte Horga-Hex der Narrenzunft Harzklumpen aus Heiligenzimmern beim Schabernack schier auf einen Wurst-Grill.
Frisch und beweglich waren die Laufenden Bierkästen aus Baisingen. Das musste Kreisrat Wilhelm Maier erfahren, dessen Gegenwehr nicht ausreichte, sich der Narren-Attacke zu widersetzen. Eine Akteurin zog ihm den Hut vom Kopf, ein Akteur rieb ihm das Konfetti in die Poren. Dann statteten sie auch noch Maiers Enkel Tobias, 9, und Michaela, 10, mit dem Papierzeug aus, auf dass sie freudvoll ihren Opa salbten. „Dia Wildsäu!“, rief Maier den Bierkästen hinterher.
Die Narrenzunft Hochdorf kam mit einem Wagen ganz in Schweinchenrosa und verblies die Leute mit Stroh-Schnipseln. Ungewöhnlich sah der Pestbutz aus Dornstetten aus, der eine Textil-Maske trug, die aussah wie eine Kreuzung aus Kleinzelt und Gasmaske. Wild trieb‘s der Jugendclub Eutingen auf seinem Wagen im Flower-Power-Design und bei San-Francisco-Sound. Der Club nahm sein Motto „Make love, not war“ wörtlich, griff sich die Mädels vom Straßenrand und spannte sie auf ein Liebesgestühl mit mächtigem Vortrieb.
Noch bulliger war der Bauwagen Vollmaringen: Ein Schlepper so hoch, dass er fast die Bendel über der Straße abriss, und hintendran eine rollende Disco mit Super-Bass. Wesentlich filigraner und flinker tobten dahinter die Putzteufel aus Reusten. Wer das Glück ihrer Dienstleistung genoss, durfte die Heimreise mehlig antreten.
Wie einträglich so ein Umzug sein kann, war bei Familie Felger aus Weitingen zu entdecken. Wir machten Inventur bei Jessica Felger, die einen schwarzen Hut voller Leckereien hatte. Sie zählte auf: „Zwei Tüten Popcorn, drei Lollies, ein Rocher, ein Balisto, ein Mohrenkopf, zwei Haribo-Frösche, mehrere Gummiteile, Bärendreck, Hanuta, viele Bonbons.“ Das war nicht alles, denn die Kinder Louis und Lynn, die das gefangen und aufgeklaubt hatten, hatten selbst noch die Taschen voll, wie auch der Papa Jürgen Felger. Ein wenig beim Abtransport halfen zudem die Großeltern Ingrid und Karl Roller aus Rohrdorf. So sind sie für die Fastenzeit bestens gerüstet.