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Der Landesjugendring holt Politiker in Freizeiten

Gestern kam Chris Kühn in die Rottenburger Spielstadt

Zwei Wochen verbrachten 150 Kinder in der ökumenischen Spielstadt in und hinter der Rottenburger Festhalle. Heute geht sie zu Ende . Gestern durfte ein bärtiger Mann mitspielen: Chris Kühn, Landesvorsitzender der Grünen.

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Gert Fleischer

Rottenburg. Im Rundling neben der Festhalle war gestern schon zu lesen, was heute kaum Spaß macht: Müll wegschaffen, Pfandflaschen zurückbringen und so weiter. Gestern aber hatten die Kleinen normales Programm: Morgens versammelten sich alle in der Festhalle, um Theater zu gucken, das einige der zahlreichen jugendlichen Betreuere/innen auf der Bühne aufführten. Danach ging‘s hinaus ins Freie oder in die Zelte. Das Wetter war gut, und so verlief sich die vorher so stattliche Schar rasch im Grünen.

Der Grünen-Landesvorsitzende Chris Kühn (mit Brille) gestren in der ökumenischen Spielstadt ... Der Grünen-Landesvorsitzende Chris Kühn (mit Brille) gestren in der ökumenischen Spielstadt hinter der Festhalle. Im Hintergrund sind im Gespräch Jürgen Dorn, Geschäftsführer Politik/Personal beim Landesjugendring, und Sabine Herwig, die Hauptamtliche im Dreier-Leitungsteam der Spielstadt.Bild: Fleischer

Die ökumenische Spielstadt in Rottenburg, ausgerichtet von der Evangelischen Kirchengemeinde sowie den beiden katholischen Dom und Moriz, ist ein Klassiker: Seit 42 Jahren werden Kinder in den Sommerferien betreut. Seit vorigem Jahr sind auch Kinder mit erhöhtem Betreuungsbedarf dabei. Die Eltern müssen etwas bezahlen für die Freizeit ihrer Sprösslinge, aber es gibt Möglichkeiten, dass die Familien nach ihren Kräften das leisten, was sie können. „Es wird nicht ausgenutzt“, sagt Sabine Herwig, 29, Bezirksjugendreferentin beim Evangelischen Jugendwerk Tübingen. Sie ist die Hauptamtliche im Leitungsteam, das sie zusammen mit den Studenten Joans Rühle und Alexander Karcher bildet.

Herwig ist eine kompetente Gesprächspartnerin für den Gast. Chris Kühn aus Tübingen, der nächstes Jahr für die Grünen zum Bundestag kandidiert, fremdelt kaum zwischen den vielen Kindern. Er hat selbst einige Jahre Zeltlager geleitet, war für den Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) in Geislingen aktiv. Dass er und andere Politiker/innen Kinder- und Jugendfreizeiten besuchen, verdankt sich allerdings der Initiative des Landesjugendrings (siehe Kasten).

Jürgen Dorn ist dabei. Er ist Geschäftsführer Politik/Personal beim Landesjugendring Baden-Württemberg. Er will die neue Landesregierung daran messen, ob sie ihr Versprechen, einen Wechsel einzuleiten, wahr macht – auch wenn es um Kinder und Jugendliche geht. Vielfach sei die Höhe der staatlichen Zuschüsse für solche Angebote wie die Spielstadt, wie Stadtranderholungen, Ferienfreizeiten, Zeltlager „seit Jahrzehnte gleich“, sagt Dorn. Häufig kommen Mini-Zuschüsse aus zahlreichen verschiedenen Quellen – ein ziemlicher Aufwand für die Organisatoren, sich jedes Jahr die nötigen Mittel zu erbitten.

Dass sie dabei „zwangsläufig“ immer mehr Sponsorengeld annehmen müssen, betrachtet Dorn skeptisch: „Die Wirtschaft will dafür ja etwas haben.“ Auch das Projektwesen habe seine Tücken, egal welche Institution nun eine Kinderfreizeit zum Projekt macht. Projekte haben eine Intention, ein Ziel, dem die Freizeit dann untergeordnet ist. Die Individualität und Kreativität der Betreuer/innen komme da nicht zum Zug. Dorn: „Projekte fördern nicht die Struktur, sondern die Einzel-Innovation.“ Er findet, für Kinder und Jugendliche zu sorgen, sei öffentliche Aufgabe: „Es geht da ja nicht um riesige Summen; da wird der Landeshaushalt weder saniert noch davon kaputtgehen.“

„Für Jugendliche gibt es nichts Wichtigeres, als Zeit zu verplempern“, sagt Sabine Herwig. „Dann haben sie eine Chance, sich selbst kennenzulernen und zu entdecken.“ Wenn sie nicht in ein Programm-Korsett gezwängt sind, können sie ihre kreative Seite ausleben, ihr sozialen Fähigkeiten entwickeln. Herwig sieht Kinder aus ihrer christlichen Warte: „Ihr seid, wie ihr seid, so wie ihr geschaffen wurdet.

Die Jugendreferentin erzählt, wie die Kinder miteinander umgehen, gerade auch weil Kinder mit Behinderungen dabei sind und solche, die nicht behindert sind, aber besonders viel Aufmerksamkeit und Zuwendung bedürfen. Am ersten Tag fremdelten die Kinder ohne Behinderung noch, wüssten nicht, wie sie etwa ein Mädchen im Rollstuhl anfassen sollten – „am nächsten Tag schieben sie sie mit einem Affenzahn übers Schotterfeld.“

Chris Kühn fragt nach, lässt sich das Konzept erklären, ist neugierig. Er erfährt, dass die Rottenburger der Spielstadt und ihrer ganzen Bande die Festhalle zwei lange Wochen überlassen, dass sie aber auch bangen um das ehrwürdige Gebäude. Die Stadt gibt einen Zuschuss und verlangt auch nur eine reduzierte Miete für die Halle. „Ich finde, die Stadt kann froh sein, dass es das gibt“, sagt Kühn über die Spielstadt. „Tut sie auch“, antwortet Herwig; „Herr Neher war am Montag da.“ Stephan Neher, das ist der Oberbürgermeister.

Jeweils zwei junge Betreuer/innen kümmern sich um zwölf Kinder. Zwischen 16 und 23 Jahre alt sind die Betreuer/innen. Sie bekommen ein kleines Grundgehalt. Es gibt Treueboni und andere kleine Zuschläge. Alles in allem können die jungen Leute auf 180 bis 190 Euro kommen für die zwei Wochen Arbeit mit den Kindern. „Es ist ein Ehrenamt sagt Sabine Herwig.

Politiker und Politikerinnen fotografieren Kinder
Insgesamt 47 Politiker/innen besuchen in diesen Sommerferien Kinder- und Jugendfreizeiten in Baden-Württemberg. Diese Aktion erfand der Landesjugendring. „Jugend im Fokus – PolitikerInnen fotografieren Freizeiten“ lautet ihr Titel.
Es soll mal umgekehrt laufen: Promis fotografieren Normalos, die Großen die Kleinen. Am 10. Oktober endet die Aktion mit einer Fotoausstellung im Landtag. Eine Jugend-Jury wählt die besten Bilder aus. Die Kampagne des Landesjugendrings ist ein Beitrag zum 60-jährigen Bestehen Baden-Württembergs. Der Landesjugendring ist genauso alt.


10.08.2012 - 08:00 Uhr

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