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Seniorengruppe für behinderte Menschen im Ruhestand

Eine Wolke für den Donnerstag

Wie verbringen Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen ihren Ruhestand? Das TAGBLATT hat die Seniorengruppe des Freundeskreis Mensch besucht.

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Martin Zimmermann

Rottenburg. Weil in der Seniorengruppe längst nicht alle lesen können, verdeutlichen auf einer Tafel Bilder die Wochentage: Der Mond den Montag, eine Gewitterwolke den Donnerstag und – ganz wichtig – Herdplatten die Koch-Tage. Das TAGBLATT ist an so einem Tag zu Besuch, an dem in der Gruppe gemeinsam gekocht wird. Es gibt Kartoffelsuppe, für die jeder ein paar Kartoffeln schälen darf.

In der Seniorengruppe des Freundeskreises können behinderte Menschen im Ruhestand die Tage ... In der Seniorengruppe des Freundeskreises können behinderte Menschen im Ruhestand die Tage gemeinsam verbringen. Auf unserem Bild sind von links Mathilde Wollensack, Viktor Efinger, Erzieherin Ingrid Mauch und Rosmarie Stumpp zu sehen. Bild: Zimmermann

Beim anschließenden Plätzchenbacken stellt die Gruppe fest, dass eine wichtige Zutat fehlt: Puderzucker. Das gibt einigen die Gelegenheit, mit den Helfern zu einer Einkaufstour in die Innenstadt aufzubrechen. Ivan Sabljic und Nadine Bixenstein, zwei 16-Jährige, die ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) machen, begleiten sie dabei.

Die übrigen sechs Betreuten sitzen um einen Tisch und basteln Fensterbilder. Den Besucher vom TAGBLATT begrüßen sie überschwänglich. „Ich bin aus Obernau. Und wo kommsch du her?“, fragt Elisabeth Sauter. Sie ist die Älteste und war schon dabei, als die Seniorengruppe vor zehn Jahren gegründet wurde. „Nächstes Jahr feiere ich meinen 80. Geburtstag. Kommsch au?“, fragt sie, und ihr strahlendes Gesicht verrät, wie sehr sie sich auf dieses Fest freut. Rosemarie Stumpp, Mitte 50, Down-Syndrom, sagt nichts. Sie streichelt dem Besucher zur Begrüßung über den Rücken und legt ihren Kopf an seine Schulter.

Für die beiden FSJ’ler war die direkte Art der Menschen mit Behinderung am Anfang ungewohnt. Betreuerin Ingrid Mauch, die die Seniorengruppe seit ihrem Bestehen leitet, erinnert sich an eine Praktikantin, die total abgehetzt, schnaufend und mit roten Backen in der Gruppe ankam. Darauf der Kommentar eines Heimbewohners „Hasch du die Backen voll kriegt?“

Das erste Mal schockiert gewesen

Ivan Sabljic sagt, er sei erstmal „schockiert“ gewesen, als er das erste Mal einen seiner Schützlinge auf die Toilette begleiten musste: „Da habe ich mir überlegt, ob ich aufhören und das Abi machen soll.“ Nachdem er jedoch eine Nacht darüber geschlafen hatte, entschied er sich: „Ich ziehe erst das FSJ durch und mache danach das Abi.“

Seine Kollegin Nadine will während des Sozialen Jahres testen, ob ihr der Beruf Spaß macht. Neben den beiden arbeiten im Dätzweg auch Schüler/innen im Sozialpraktikum. Heimleiterin Kathrin Hinger sagt, dass viele ehemalige Praktikanten und FSJ’ler später eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger beginnen. Insgesamt lernen beim Freundeskreis derzeit 17 Auszubildende diesen Beruf.

Ingrid Mauch kann die Hilfe der Teenager gut gebrauchen. „Wir haben mit vier Leuten angefangen, inzwischen sind wir zehn“, erzählt sie. Denn die Lebenserwartung von behinderten Menschen wächst. Immer mehr von ihnen erreichen den Ruhestand. Ihr Anspruch auf Teilhabe an der Gesellschaft bleibt nach dem Gesetz auch nach ihrer Pensionierung erhalten.

Im Dätzweg werden die Senior/innen werktags von 8.30 Uhr bis 16 Uhr betreut. Die meisten von ihnen sind Bewohner des Heims in der St. Claude-Straße. Einige, die noch relativ fit sind wie der kürzlich pensionierte Albert Biesinger, leben selbstständig in Wohngemeinschaften und werden vom Freundeskreis ambulant betreut. Auch in der Hagenwörthstraße gibt es ein Haus, in dem Behinderte selbstständig leben und stundenweise betreut werden. Sie können bei der Seniorengruppe oder auch nur bei einzelnen Veranstaltungen mitmachen. Andere Gruppenmitglieder wie etwa Viktor Efinger, der in Bühl bei seiner Schwester lebt, werden jeden Morgen mit dem Taxi abgeholt und zur Gruppe gefahren.

So unterschiedlich wie die Wohnverhältnisse sind auch die Lieblingsbeschäftigungen der Heimbewohner. Jeder hier hat seine Vorlieben. Rosemarie Stumpp liest am liebsten in bunten Illustrierten. Mathilde Wollensack strickt einen Pullover aus knallroter Wolle. Günther Laupp sortiert Kastanien von einer Kiste in eine andere, das soll die Feinmotorik trainieren.

Zeit der Kränkungen ist jetzt Vergangenheit

Erika Sauter interessiert sich für die Artikel im TAGBLATT aus ihrem Heimatdorf Obernau – etwa wenn der Musikverein gespielt hat. Noch interessanter sind für sie Berichte über Fasnetsumzüge, bei denen sie selbst zugeschaut hat. Manchmal kommen bei solchen Gelegenheiten auch Erinnerungen hoch, Kränkungen und Beschimpfungen, die weit zurückliegen. Darüber spricht Mauch mit ihren Schützlingen und sagt ihnen auch, dass die Zeit der Beschimpfungen jetzt vorbei ist. Biographiearbeit nennen dies die Psychologen.

Info Ein Praktikum oder ein Freiwillig Soziales Jahr kann beim Freundeskreis jederzeit begonnen werden. Interessenten können sich unter Telefon 0 74 72 / 96 14 10 an Kathrin Hinger wenden.

28.12.2012 - 08:30 Uhr

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