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69 Cent für Martinus

Domläuten ist als Klingelton fürs Handy erhältlich

Wenn die Glocken läuten, dann ist nicht unbedingt Gottesdienst. Sondern nur ein Anruf auf dem Handy. Im Universum der Klingeltöne melden sich auch die Rottenburger Domglocken.

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Wolfgang Albers
Artikelbild: Domläuten ist als Klingelton fürs Handy erhältlich

Manchmal fällt Jürgen Kaiser im ICE schon auf. Da sitzt er dann, selbst Geschäftsführer, unter Geschäftsreise-Kollegen – und alle drehen sich plötzlich zu ihm um. Denn in seiner Tasche läuten die Glocken. „Die staunen nicht schlecht“, schildert Jürgen Kaiser diese Momente. „Dann kommen wir ins Gespräch.“ Und der Geschäftsführer des Evangelischen Medienhauses erzählt von einem weitsichtigen Moment vor vielen Jahren: Da ließ sich sein Unternehmen, eine GmbH der Evangelischen Landeskirche mit vielen Medien-Aktivitäten, die Webadresse www.kirchenhandy.de reservieren. „Es war abzusehen, dass das Handy mal mehr sein würde als ein Gerät zum Telefonieren.“

Das bekam auch Harald Kiebler mit, der Rottenburger Dompfarrer. Er stieß auf das besondere Angebot von kirchenhandy.de: Kirchenglocken als Klingelton herunterzuladen. Etwa von der Marienkirche Reutlingen oder der Stiftskirche Stuttgart. Der Internetbeauftragte der Pfarrei, Matthias Drengk, fragte im Medienhaus nach, ob auch katholische Glocken genehm seien. „Und plötzlich waren wir drin, das hat mich gefreut“, erinnert sich Kiebler an ein schnelles Dreiecks-Geschäft.

Denn Jürgen Kaiser ist froh um jede Gemeinde, die die Einnahmen belebt. Jede Gemeinde setzt den Klingelton-Preis selbst fest, so wie sie ihn für markttauglich einschätzt. Die Rottenburger verlangen 69 Cent (Vorsicht: Je nach Vertrag hauen die Netzbetreiber noch etliche Euro drauf). Der größte Teil geht an das Technikunternehmen, das die Herunterladerei managt, den kleinen Rest teilen sich das Medienhaus und die Dompfarrei.

Die ist gleich mit zwei Angeboten vertreten: Vielstimmig läutet das gesamte Glockenensemble, ein eher hellerer Ton, außerdem schlägt noch mächtig und tief die Martinusglocke, die Bischof Joannes Baptista Sproll gewidmet ist.

Zwei katholische Glockenklänge im evangelischen Angebot? „Ehrlich gesagt, das ist noch niemanden aufgefallen“, zeigt sich Jürgen Kaiser frei von konfessionellen Berührungsängsten. Nach Jürgen Kaisers Beobachtungen sind es vor allem Jüngere, kirchlich Engagierte, die ihr Handy so läuten lassen: „Die finden das ein bisschen flippig, wollen aber auch zeigen, wo sie stehen, weil sie viel in der Kirche machen. Jedenfalls geht es nicht darum, gegen den Atheismus anzubimmeln.“

85 Mal sind die Rottenburger Glocken bis jetzt runtergeladen worden. „Dass das überhaupt jemand macht!“ Harald Kiebler ist angenehm überrascht: „Ich finde, das ist eine ganze Menge.“

Er gehört nicht dazu, sein Handy ist glockenfrei: „Ich hätt sie schon drauf getan, aber mein Handy ist so alt, da geht das nicht. Und nur deshalb ein neues Handy kaufen, das muss nicht sein. Ich hör’ die Glocken ja ständig live.“

12.03.2010 - 08:30 Uhr
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