Acht Menschen mit Behinderungen sehen Region von oben
Eine Gruppe aus dem Behinderten-Wohnheim am Rottenburger Dätzweg ging am Samstag in die Luft. Die Rundflüge schenkte ihnen der Flugsport-Verein Unterjesingen. Für manche Dätzweg- Bewohner war es der erste Flug ihres Lebens.
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Steffen Heritsch
Pilot Thomas Bock (vorne), Michael Schulz vom Freundeskreis, Erika Heine und Günther Richter machen sich klar zum Start. Philipp Mutzberg klappt gleich das Seitenfenster runter.Bild: Ulmer
Rottenburg/Poltringen. „Da sind sie, da sind sie!“ Erika Heine reibt sich die Hände, winkt und läuft in Richtung der „Diamond Star DA 40“. Das einmotorige Leichtflugzeug ist gerade auf dem Poltringer Flugplatz zum Stehen gekommen. „Jetzt sind wir dran“, freut sich die kleine Frau mit den grauen Haaren und lacht. Gleich darf die Bewohnerin des Rottenburger Wohnheims für Menschen mit Behinderungen auf einem der drei Passagiersitze Platz nehmen.
Thomas Bock, Pilot und Vorsitzender des Flugsportvereins Unterjesingen, verspricht einen 15-minütigen Rundflug über Entringen, Tübingen, Rottenburg und Bebenhausen. Während er seinen Pilotensitz nach der Landung schon routiniert verlassen hat, müssen Wolfgang Haug und Annette Baur vom Rücksitz aus erst über den Flügel klettern, um wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren.
„Mir ist ganz schwindelig“, sagt Haug. Er wirkt noch etwas benommen vom ersten Flug seines Lebens. Wenig später beginnt er aber zu schwärmen: Von oben habe er das Wohnheim gesehen, seine Mitbewohner seien davor gestanden und hätten gewunken. „Das macht so Spaß! Das ist wie Auto fahren, nur schneller. Von oben ist alles so winzig“, berichtet er aufgeregt.
Ganz gelassen gibt sich dagegen Günther Richter. Aufregung? „Awa, woher denn?“ Schließlich sei er schon mal nach Kanada geflogen, um seinen Onkel zu besuchen. „Vier Kaffee habe ich beim Umsteigen in Hamburg getrunken.“ Wach bleiben wollte er damals, um alles mitzubekommen. Letztlich habe er aber nur die Wolken von oben gesehen.
In Poltringen gibt es weder Kaffee vor dem Flug noch Wolken. Günther Richter hat bei strahlendem Sonnenschein gute Chancen, das Schloss Roseck von oben zu sehen. Denn das hat er sich fest vorgenommen. „Von unten kenn ich ja alles schon. Aber von oben sieht das sicher ganz anders aus.“ Wenig später sitzt er mit Sonnenbrille und Schirmmütze neben Erika Heine hinten in der DA 40.
Bevor es losgeht, bekommen die beiden Hilfe vom zweiten Vorsitzenden des Flugsportvereins, dem Lufthansa-Piloten Philipp Mutzberg. Eigentlich fliegt er große Linienmaschinen, unter anderem nach Nizza. Den Flugplatz in Poltringen nutzt er privat, wenn er zur Abwechslung „nicht nur geradeaus fliegen möchte“. Für die Dätzweg-Bewohner schlüpft er in die Rolle des Stewards, legt Gurte an und verkabelt die Passagiere per Kopfhörer und Mikrofon mit Thomas Bock.
Als Dreipunkt- und Hüftgurte sicher sitzen, startet Pilot Bock den Motor. Mit einem starken Luftstoß dreht die Maschine von der Gruppe am Boden ab, rollt in Richtung Startbahn, nimmt 500 Meter Anlauf und steigt auf 600 Meter Höhe. Schließlich verschwindet sie über dem Schönbuch. Am Boden zurück bleibt nur der Geruch von Flugzeugbenzin. „Fliegerparfüm!“, sagt Philipp Mutzberg.
Gute 15 Minuten später taucht die Maschine hoch oben aus Richtung Süden wieder auf, fliegt eine Kurve, setzt zur Landung an und steht kurze Zeit später wieder auf der Wiese vor dem Fliegerheim. Nachdem Günther Richter von seinem Sitz auf den Flügel geklettert ist, hält er erstmal inne, schließt die Augen und streckt sich. „Das war blendend!“, platzt es dann aus ihm heraus.
Schloss Roseck habe er von oben sofort erkannt, berichtet Richter. Tübingen, Rottenburg und Bebenhausen musste er sich vom Piloten zeigen lassen. „Er hat uns über Kopfhörer erzählt, was da unten ist. Das ist ja alles so versteckt.“ Auch über das Rottenburger Wohnheim seien sie geflogen. Günther Richter guckt auf die Uhr: „Es ist 14.30 Uhr. Die müssen dort jetzt den Kaffee vorbereiten.“
40 Menschen mit Behinderung leben im Rottenburger Dätzweg in vier Wohngruppen. Träger der Einrichtung ist der Gomaringer Freundeskreis der beschützenden Werkstätten. Alle 40 konnte der Freundeskreis nicht zu den Rundflügen mitnehmen. Dabei war nur, wer wirklich in ein Flugzeug steigen wollte und konnte. Bei einigen war der Respekt vor dem Fliegen zu groß, bei anderen wäre der Rollstuhl ein Hindernis gewesen.
Den Kontakt hat Betreuer Michael Schulz hergestellt. „Ich wohne in Entringen und sehe die Flugsportler immer fliegen!“ Der Vorsitzende des Unterjesinger Flugsportvereins sei von der Idee des Freundeskreises begeistert gewesen. „Wir sind schon mit behinderten Kindern geflogen. So etwas machen wir immer gern“, sagt Bock.
Die Hälfte der Kosten sollte eigentlich die Lebenshilfe übernehmen. Doch Thomas Bock hat noch eine Überraschung parat: „Wir laden den Freundeskreis ein. Komplett.“