Zwei Brüder erzählen von ihrer Flucht aus Afghanistan nach Deutschland
Die Schüler der Internationalen Vorbereitungsklasse der Eduard-Spranger-Schule kommen aus Indien, Russland, dem Irak und vielen anderen Ländern rund um den Globus. Karim und Baran stammen aus Afghanistan. Sie haben eine abenteuerliche Flucht aus ihrem Heimatland hinter sich.
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karin Burth
Afghanistan. Wer hier raus will, muss gut zu Fuß sein, viel Geld haben und das Glück, vielleicht doch noch ein Fahrzeug zu erwischen. Archivbild
Reutlingen. Sie sind gerade einmal 17 Jahre alt und haben bereits Unglaubliches erlebt. In der Internationalen Vorbereitungsklasse der Eduard-Spranger-Schule möchten sie nun in kürzester Zeit Deutsch lernen und wünschen sich eine „gute Zukunft“. Für eine Internetradiosendung im Rahmen der angebotenen Medienprojekte, haben einige der Schüler/innen nun zum ersten Mal ihre junge und sogleich schwere Lebensgeschichte erzählt.
Sechs Jahre von der Mutter getrennt
Die Geschichte der beiden aus Afghanistan stammenden Brüder Karim und Baran ist lang und abenteuerlich. Als die beiden vier und fünf Jahre alt sind, werden ihr Vater, ein Arzt, und ihr ältester Bruder von den Taliban ermordet. Um einigermaßen über die Runden zu kommen, flüchtet die Mutter mit ihren beiden Söhnen ins benachbarte Pakistan. Als sich ihr die Möglichkeit bietet, zu Verwandten zu gehen, lässt sie ihre beiden Kinder zurück und fliegt nach Deutschland. Karim und Baran sind von nun an völlig auf sich alleine gestellt. Sechs Jahre sollte es dauern, bis die beiden ihre Mutter wieder in die Arme schließen können.
Die beiden Brüder erzählen stockend, schüchtern und doch mutig. Es scheint sie zu erfreuen, dass ihre Geschichte auf Interesse stößt. Medienpädagogin Petra Hermansa, Leiterin des Radioprojekts, hilft hier und da aus, füllt die Lücken mit Worten, um all die Stationen des langen und beschwerlichen Weges wiederzugeben. Vor sich hat sie einen Atlas aufgeschlagen, den Fluchtweg fährt sie mit dem Zeigefingern nach, fast so, als könne eine Karte helfen, das Schicksal der beiden Brüder besser zu verstehen.
Als das Regime in Afghanistan wechselt, kehren Karim und Baran in ihre Geburtsstadt Gazni zurück. Der Bruder ihres verstorbenen Vaters ermutigt die Beiden zur Flucht nach Deutschland. Sechs Monate sollte sie dauern.
Zu Fuß, auf Eseln und mit dem Lastwagen flüchten Karim und Baran zunächst mit Hilfe von Schleppern und viel Geld in den Iran. Von Teheran aus müssen sie dann den mühsamen Fußmarsch über das Gebirge an der Grenze zur Türkei bewältigen. Endlich in der Türkei angekommen, gelangen die Geschwister weiter nach Istanbul und schließlich nach Izmir. Von dort aus schaffen sie es mit dem Schlauchboot auf die griechische Insel Samos.
In Griechenland wähnen sie sich endlich am Ende ihrer Reise. Doch wie für viele der jährlich tausend auf griechischen Inseln gestrandeten Flüchtlinge, beginnt hier der eigentliche Kampf vor der Festung Europa. Karim und Baran landen in einem Auffanglager für Jugendliche, erhalten schließlich dank eines Afghanen das ersehnte Schiffsticket nach Athen.
Im Schweinekäfig nach Italien
Wieder keimt die Hoffung auf, es geschafft zu haben. Wieder werden sie enttäuscht, und erneut gelangen sie nur mit viel Geld, Kontakten und einem Schlepper auf einem Viehtransporter – versteckt in Schweinekäfigen – schließlich nach Italien. Hinter der Grenze werden sie einfach samt dem Käfig abgeworfen. Baran, der Jüngere der Beiden, bricht sich dabei den Fuß, er kommt ins Kinderkrankenhaus. Nach seiner Genesung können die Geschwister endlich aufatmen: Sie haben die Erlaubnis nach Deutschland einzureisen.
Nun sind sie angekommen und haben zum ersten Mal in ihrem Leben die Chance, Fuß zu fassen. Karim und Baran leben heute bei ihrer Mutter in einer Reutlinger Kreisgemeinde. Sie sind noch jung und lernen schnell. Und doch ist es schwer. Freunde haben sie bislang noch keine gefunden.
Wie die beiden Brüder sitzen weltweit Hunderttausende von Flüchtlingen in Auffanglagern am Rande von Krisengebieten fest. Auch sie versuchen den schiergar unüberwindbaren Weg zu gehen. Viele von ihnen sterben bei dem Versuch zu flüchten. Lokale Initiativen wie die Save-me-Kampagne von Pro Asyl könnten zukünftig solche Schicksale mildern.
Save-me-Kampagne in Reutlingen
Die Save-me-Kampagne fordert von Deutschland, jährlich ein bestimmtes Kontingent an Flüchtlingen dauerhaft aufzunehmen und zu integrieren. Seitdem wird die Idee von 45 lokalen Initiativen vorangetrieben, auch in Reutlingen. In der Stadt sollen 112 Flüchtlinge pro Jahr aufgenommen werden – einer pro tausend Einwohner. Derzeit wirken rund 180 Paten und Patinnen an der Umsetzung dieses ambitionierten Zieles mit und setzen mit ihrem Engagement ein deutliches Zeichen gegen die restriktive Einwanderungspolitik der Bundesregierung.