Bei der Reutlinger IG Metall kann man sich an keinen vergleichbaren Triumph und kein Fest dieser Art erinnern: In der HAP-Grieshaber-Halle feierten am Samstagabend 250 Leute den Arbeitskampf bei Automotive Lighting – so emotional, dass IG-Metall-Chef Gert Bauer mehr als ein Stofftaschentuch brauchte.
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Matthias Stelzer
Zu einem „Streikhelfer“-Fest hatte die Reutlinger IG-Metall-Verwaltungsstelle am Samstagabend 250 Leute in die HAP-Grieshaber-Halle eingeladen. Bild: Haas
Eningen. Stolz, Freude, Mut und Solidarität – in der Eninger HAP-Grieshaber-Halle trafen sich am Samstag jede Menge Gefühle und Menschen, die ihr gemeinsamer Kampf um 130 Arbeitsplätze beim Reutlinger Autoscheinwerfer-Hersteller Automotive Lighting (AL) offensichtlich zusammengeschweißt hat.
Arbeiter/innen-Glückseligkeit für einen Abend. In Eningen dachte niemand an die gewerkschaftlichen Rückzugsgefechte der vergangenen 20 Jahre. Die 150 AL-Leute und ihre Unterstützer aus Reutlinger und Tübinger (Metall-)Betrieben waren gekommen, um – teils lautstark – zu bejubeln, dass man sich als geschlossene Belegschaft auch Ziele erkämpfen kann, die unerreichbar zu sein scheinen.
„Wir hätten zu Beginn nie gedacht, dass es so ausgehen kann“, sagt Michael Jäger. Der Reutlinger AL-Betriebsratsvorsitzende ist deshalb einfach nur stolz auf seine Kolleg(inn)en. Statt 130 Entlassungen gibt es jetzt eine fixierte Beschäftigungssicherung bis Ende 2015 und die Zusage für neue Produktionslinien am Standort Reutlingen. Laut Jäger ist das so, „weil die Belegschaft zusammenstand wie eine Eins“.
Streikbrecher gab es beim Reutlinger Automobilzulieferer nicht. Die Posten am Werkstor in der Tübinger Straße hatten so eher Symbolcharakter, verfehlten ihre Wirkung zusammen mit den vielen Kundgebungen und einer Protestfahrt zur Magneti-Marelli-Zentrale in Corbetta (bei Mailand) nicht: „Die wussten, dass wir es ernst meinen“, sagt Jäger. „Spätestens als der S-Klasse-Produktion in Sindelfingen der Stillstand drohte, kam die Geschäftsführung in Bewegung“, meint Jäger und ergänzt: „Ich habe mir davor auch schon immer gedacht, eine Fiat-Tochter kann es sich nicht leisten, den Daimler hinzustellen.“
Soweit ist es dann auch nicht gekommen, weil die AL-Manager einlenkten – einen Tag bevor die Lagerbestände aufgebraucht waren. Das Ergebnis dieser Verhandlungen wird auch in der Reutlinger IG-Metall-Verwaltung als historisch betrachtet.
„In der Frage der Verteidigung von Arbeitsplätzen hatten wir meines Wissens noch nie einen vergleichbaren Erfolg“, sagt Gert Bauer. Eine Tatsache, die ihm jetzt auch eine Einladung zum Kongress der größten italienischen Metall-Gewerkschaft FIOM („Federazione Impiegati Operai Metallurgici“ ) bescherte. Vergangene Woche war Bauer dort – als einer der Hauptredner und als leuchtendes Beispiel für gewerkschaftliches Krisenmanagement: „Die schauen da inzwischen neidisch nach Deutschland.“
Abendgarderobe statt Streikwesten
Jedenfalls ließen die italienischen Gewerkschafter via Bauer Grüße an die AL-Leute ausrichten, die sie Corbetta getroffen hatten. Grüße, die im Jubelgeschrei untergingen. Die AL-Arbeiter/innen hatten für die Grieshaber-Halle zwar ihre Streikwesten mit der Abendgarderobe vertauscht, wenn es galt, sich selbst oder die Helfer/innen zu beklatschen, ging es aber trotzdem wie bei einer Demonstration zu. Das Fest, zu dem die Gewerkschaft mit Hilfe von Spendern eingeladen hatte, geriet zur emotionalen Großkundgebung. Spätestens als IG-Metall-Sekretär Michael Bidmon, den alle nur Heiner nennen, eine selbstgemachte Film- und Foto-Rückschau auf den Arbeitskampf einlegte, hatten viele in der Halle feuchte Augen.
Bidmon erzählt in seinem 17-Minuten-Streifen auch die Geschichten, die sich etwas abseits der Demos und Kundgebungen abgespielten: Bilder von Freundschaft und Freude aber auch Szenen anstrengender Vorbereitungsarbeit und gemeinsamer Erschöpfung waren auf der Leinwand zu sehen. Unterlegt mit der entsprechenden Musik („On The Road Again“) riss der Film auch Gert Bauer mit. Der Reutlinger IG-Metall-Chef weinte herzhaft.
Gestärkt durch das aufgetragene Abendessen und viele Schulterklopfer klinkte sich Bauer – in Alexis-Sorbas-Manier – aber schon wenig später in den Sirtaki ein, den der griechische Tanzverein „Orpheas“ im Saal angezettelt hatte. Schulter an Schulter – dieses Bild passt ohnehin gut zum Festabend. Denn die Beschäftigten von Automotive Lighting wollen ihren Erfolg und die Hilfe, die sie auf dem Weg dorthin erfahren haben, als Verpflichtung verstehen. Der Betriebsratsvorsitzende Michael Jäger formulierte das so: „Die ganze Unterstützung, die wir erfahren haben, macht es zu einer riesigen Aufgabe, diese Solidarität in anderen Fälle zurückzugeben.“