Kurzweiliger Abend über richtiges Schreiben und provozierendes Sprechen
Weil out sein in sein kann
Die Rechtschreibreform erregt die Gemüter. Der Linguist Ludwig Eichinger ist gegen mehr Normierung und für gelassene Beobachtung. Beim 79. Zeitgespräch am Donnerstag im Spitalhof erläuterte er kurzweilig, wie alles kam. Und wie wird‘s? Schlechter nicht, aber anders.
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Fred Keicher
Ludwig Maximilian Eichinger, der entspannte Sprachbeobachter. Bild: Haas
Reutlingen. Ein Spaziergang durch die Sprache sollte es werden, sagte Ulla Heinemann zur Einleitung. Die Rektorin der Tübinger Albert-Schweitzer-Realschule befragte zusammen mit dem Pädagogik-Professor Norbert Vogel den Gast der katholischen Erwachsenenbildung.
„Die Leute meinen ja, sie hätten früher alles richtig geschrieben.“ Nach der halben Zurücknahme der Rechtschreibreform ist die Verunsicherung groß, weil Varianten zugelassen sind. Auch wenn eine IT-Firma in Seattle verlange, eine bevorzugte Variante zu definieren, beschränke man sich hauptsächlich darauf, die Sprachentwicklung zu dokumentieren.
Der Bayer Ludwig M. (für Maximilian) Eichinger ist erst seit 2002 Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim. Dessen Aufgabe ist die Erforschung und Dokumentation der deutschen Gegenwartssprache. Seine Wort- und Grammatikschätze sind im Internet für jeden verfügbar, der sich einloggt. Wer spezielle Fragen hat, kann diese mailen. Es kostet nichts.
War Eichinger bisher als „bildungsbürgerlicher Alltagssprecher“ ohne Anglizismen ausgekommen, wird es im Zusammenhang mit dem Internet plötzlich sehr denglisch und erfinderisch: „Woher kommt das I in Simsen?“, fragte Eichinger. „Mailen ist ein deutsches Verb zum Substantiv Mail, wenn ein Partizip schwierig ist, wie downgeloaded sagt man halt heruntergeladen.“ In die andere Richtung geht‘s auch. Ein Computer ist ein Rechner, ein Jet ein Flieger: „In meiner Kindheit war das noch ein Spielzeug.“
„Was es in der Sprache gibt, das brauchen wir auch.“ Seit 300 Jahren gebe es immer wieder höchst vergebliche Versuche, Fremdwörter aus dem Sprachschatz zu tilgen.
Die SMS sei eine neue Textsorte mit nur 160 Zeichen: „Man muss auch eine ordentliche SMS schreiben können.“ Eichinger entdeckt typische Kürzungsstrategien. Ähnliche hätten die Mönche bei Handschriften auf teurem Pergament auch gehabt, die statt mm ein m mit Strich drüber schrieben.
Allerdings sei sprachbehindert, wer nur SMS schreiben und Dialekt sprechen kann. Eine vernünftige Rechtschreibung zu beherrschen, bleibe eine Grundqualifikation. Ebenso ein an den Standard angelehntes Hochdeutsch. Das dürfe durchaus eine regionale Färbung haben. Er selber könne auch noch „ein höheres Hochdeutsch“ sprechen. Er konnte.
Sorgen über die verrohende Jugendsprache zerstreute Eichinger. „Die wollen sich zusammenschließen und uns erschrecken.“ Out sein ist da in. Die in der Jugendsprache typische türkische Intonation sei eine Kontaktsprache mit einer großen integrativen Wirkung.
Paul Schlegl vom Katholischen Bildungswerk fragte nach einer Modernisierung der kirchlichen Sprache. Eichinger – als guter Katholik und Benediktiner-Zögling sei er konservativ – bekannte, dass er immer noch sein Licht unter den Scheffel stellen und nichts von Glühbirne in einer modernisierten Bibel lesen wolle. „Ich liebe den biblischen Text.“ Aber man brauche gute Prediger, sagt er. Sprechen ist auch hier was anderes als Lesen.