per eMail empfehlen


   

Wunderbare Welt der Magie

Warum Schneewittchen im Heimatmuseum auch schwach geworden wäre

Winterzeit, Weihnachtszeit, Märchenzeit. Das war immer so und wird wohl auch so bleiben. Die Ausstellung „Von Spindeln und Spiegeln“ im Heimatmuseum geht den Dingen im Märchen auf den Grund – ohne dass sie ihre Magie verlieren.

Anzeige


uschi kurz

Reutlingen. Vor 200 Jahren haben die Gebrüder Grimm den ersten Band ihrer „Kinder- und Hausmärchen“ veröffentlicht, die zunächst übrigens nur für Erwachsene gedacht waren. Es war ein Ladenhüter. Auch der zweite Band 1819 wurde kein Bestseller. Erst die überarbeitete und illustrierte „Kleine Ausgabe“, die 1825 erschien und nun verstärkt ein kindliches Publikum ansprechen sollte, brachte den großen Durchbruch.

Wohin nur? In den Schrank oder in die Wanduhr? Jetzt wird’s aber höchste Zeit für das Geißlein, ... Wohin nur? In den Schrank oder in die Wanduhr? Jetzt wird’s aber höchste Zeit für das Geißlein, sich zu verstecken. Draußen wartet schon der böse Wolf.Bilder: Haas

Das Reutlinger Heimatmuseum hat das Jubiläum der Grimm'schen Märchenbücher zum Anlass genommen, ihre Winterausstellung den „Dingen im Märchen“ zu widmen. Die stellvertretende Museumsleiterin Martina Schröder hat uns bei einem Rundgang verraten, wie sie die märchenhafte Ausstellung konzipiert hat.

Artikelbild: Warum Schneewittchen im Heimatmuseum auch schwach geworden wäre

Begonnen habe es natürlich damit, erzählt Schröder, dass sie die Märchen, auch unbekanntere, noch einmal gelesen hat. Dabei bekam sie eine erste Vorstellung, welche der Geschichten sie gerne anhand symbolträchtiger Gegenstände darstellen wollte. Danach sei sie „mit dem Märchenblick durch das Depot gegangen“ und rasch fündig geworden. Bis auf ganz wenige Exponate stammt alles aus dem reichhaltigen Fundus des Heimatmuseums.

Da sind beispielsweise der Wandschrank und die Standuhr, die in der Stube der sieben Geißlein stehen als wären sie dafür gemacht. Schröder hat bevorzugt Gegenstände aus dem ausgehenden 18. und dem beginnenden 19. Jahrhundert gewählt und so die Märchen, die eigentlich „ort- und zeitlos“ sind, im Zeitalter der Gebrüder Grimm verortet. Man kann sich übrigens trefflich vorstellen, dass sich ein Geißlein erfolgreich vor dem Wolf in der Wanduhr versteckt, was dem Märchen schließlich das Happyend beschert.

Manchmal kam Schröder auch der Zufall zur Hilfe. Um das Grimm'sche Märchen „Knüppel aus dem Sack“ ins Szene zu setzen, benötigte sie unter anderem einen eindrucksvollen Knüppel. Im Depot stieß sie auf ein Werkzeug aus einer Reutlinger Färber-Werkstatt: Der imposante Mörser mit dem einst Farben zerstoßen und Stoffe gefärbt wurden, sah exakt so aus, wie der Knüppel aus den Märchen-Illustrationen. Jetzt steckt der Knüppel im Sack als hätte er nie woanders hingehört und spiegelt sich gegenüber im magischen Spiegel von Schneewittchen. Fast ist man geneigt, angesichts des düster-geheimnisvollen Jugendstil-Spiegels zu fragen: „Spieglein, Spieglein an der Wand?“ – aber da der Spiegel immer die Wahrheit sagt . . .

Schneewittchen – „Sneewittchen“ wie es einst hieß, ist übrigens eines der wenigen Märchen bei denen die Gebrüder Grimm die ursprünglich niedergeschriebene Fassung verändert haben. Eigentlich war es nämlich die eitle Mutter, die die größere Schönheit der eigenen Tochter nicht ertragen konnte und sie deshalb umbringen lassen wollte. Doch das, weiß Schröder, habe nicht in die romantische Vorstellung des Biedermeiers gepasst und so musste die Mutter in der zweiten Auflage sterben und die böse Schwiegermutter nahm daraufhin ihren Platz ein.

„Da wäre Schneewittchen sicher schwach geworden“, dachte Schröder, als sie in der Sammlung des Heimatmuseums einen wunderbaren Chignonkamms aus dem Jahr 1860 entdeckte. Ein Exponat, das einst der bekannten Reutlinger Familie Finckh gehörte und jetzt in einer Vitrine die bösartigen Versuche der Königin versinnbildlicht, Schneewittchen bei den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen doch noch um die Ecke zu bringen.

Verändert wurde von den Gebrüdern Grimm übrigens auch „Das tapfere Schneiderlein“. Erschlug der Aufschneider in der ersten Auflage noch sieben Fliegen auf einem Apfel und ließ sich deshalb einen Harnisch fertigen auf dem er seine Heldentat in güldenen Buchstaben verewigte, waren es später ein Marmeladenbrot und die wohlbekannte Schärpe. Ansonsten wurden die Gegenstände in den nieder geschriebenen Märchen nicht mehr wie in der mündlichen Überlieferung den aktuellen Gegebenheiten angepasst: „Die Gebrüder Grimm trugen so dazu bei, dass die Dinge erstarrt sind.“

Zu den wenigen Exponate, die nicht aus der eigenen Sammlung stammen, gehören ein Soldatentornister (aus dem Wehrgeschichtlichen Museum, Rastatt) und das prächtige goldene Kleid, das Aschenputtel am Grab seiner Mutter erhält. Auch die Schuhe („Rucke di guck, rucke di guck, Blut ist im Schuck. . .“), die dem Prinzen zur Erkenntnis verhelfen, wer die wahre Braut sei, sind eine Leihgabe aus dem Kostümfundus des Stuttgarter Staatstheaters.

„Der Rotkäppchensekt hat hier nichts verloren. Der Sektname bezieht sich auf den roten Verschluss“, erklärt Schröder am Ende der Schau, wo gezeigt wird, welche Produkte mit Hilfe von Märchen beworben werden. Hingegen ziert die Vitrine ein echter Rotkäppchen-Camembert. Selbst Katzenfutter kommt in märchenhafter Aufmachung daher. Wenn das die Großmutter wüsste!

gSiehe „Mit Engelszungen“

Märchenhafte Feiertage im Heimatmuseum
Märchenhafte Feiertage kann man im Heimatmuseum erleben! Die Mitmachausstellung „Von Spindeln und Spiegeln“ lädt zum Suchen, Entdecken und Selber-Machen ein: Wie viele Dukaten verstecken sich im Bauch des Goldesels? Wie hört sich der Froschkönig an? Wie funktioniert das Spinnen mit der Spindel? Daneben kann man spannende Geschichten über die Rolle der Dinge im Märchen und ihre Kulturgeschichte erfahren. Über die Feiertage und in den Ferien bietet das Heimatmuseum mehrere Führungen für die ganze Familie durch die Ausstellung an. Kinder ab 6 Jahren und Erwachsene erfahren dabei von den Museums-Mitarbeiterinnen Astrid Wendt und Inka Brandt allerlei Interessantes und Neues über Märchen.


24.12.2012 - 08:30 Uhr

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

Anzeige

(c) Alle Artikel, Bilder und sonstigen Inhalte der Website www.tagblatt.de sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.

Bildergalerien und Videos

Küken schlüpfen im Museum

Kiebingen: Fliegende Eier im und neben dem Korb

Der Mittelaltermarkt auf dem Thiepvalgelände

Die Welt der Alraune Siebert

Das neue Glockenspiel der Stiftskirche

Stiftskirchenorganist Braun stellt das Glockenspiel vor

Verbraucherminister Bonde in der UDO-Großküche

Abtauchen im Uhlandbad: Gäste unter Wasser

Bodelshausen spielt gegen Poltringen/Pfäffingen 3:3 Millipay Micropayment

Senfit: die Seniorenmesse in Tübingen

104:64 - Tigers wie entfesselt im Abstiegskampf

Guerilla-Merketing mit der Laserkanone

Tübinger Nacht im April 2014

Video-Zusammenfassung: TV Derendingen - SC Freiburg II 1:0 Millipay Micropayment

Wendelsheim unterliegt Hirschau 0:2 Millipay Micropayment

Eine Zinser-Modenschau präsentiert aktuelle Sommertrends

SV Pfrondorf - TSV Hirschau 0:0 Millipay Micropayment

Endlich wieder ein Sieg: Tigers gegen Trier 74:67

Anzeige


Nachrichten aus ...
ReutlingenWannweilPliezhausenWalddorfh�slachAmmerbuchT�bingenDettenhausenKirchentellinsfurtKusterdingenGomaringenDusslingenOfterdingenMössingenNehrenBodelshausenHirrlingenNeustettenRottenburgStarzachHorb
Anzeige


Die Woche im Rückklick
Die beiden Neuankömmlinge im Glockengebälk: Sie stehen (beziehungsweise hängen) für das ...

Wissen, was war

Die Woche vom 12. bis 17. April: Tübinger tauchen ab, ein verdächtiger Patient und ein Glockenspiel für die Stiftskirche

Aktive Singles auf
date-click
Anzeige


Zeitzeugnisse

Vor 50 Jahren: Kanzler Erhard besuchte Tübingen

Das „Wirtschaftswunder“ der Nachkriegszeit verkörperte Ludwig Erhard wohl wie kein anderer: Der CDU-Mann war wohlgenährt, hatte stets eine Zigarre im Mundwinkel „und eine gesunde Farbe des Erfolgs im Gesicht“, bemerkte der TAGBLATT-Chronist, als Erhard zu seinem ersten – und einzigen – Staatsbesuch nach Tübingen kam. Das war vor 50 Jahren, am 24. Februar 1964.

Anzeige


Ihr Kontakt zur Redaktion