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Die Party zum Fest

Seit etwa 30 Jahren wächst der Heiligmorgen

Es gibt ihn schon rund 30 Jahre, doch ausgewachsen ist der Reutlinger Heiligmorgen noch nicht. Immer mehr Gastronomen beteiligen sich am großen Weihnachtsauftakt in der Altstadt. Und auch an den eingeführten Schauplätzen vor dem „Rappen“, vor der „Kaiserhalle“ und in der „Schinkenstraße“ wird es Jahr für Jahr enger.

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Matthias Stelzer

Reutlingen. Wer den Heiligmorgen in Reutlingen erfunden hat, wird im Nachhinein wohl nicht mehr zu klären sein. „Da streiten sich Henne und Ei“, sagt „Kaiserhallen“-Wirt Wolfgang Kohla. Seine Kneipe oder der „Rappen“ in der Oberen Geberstraße gelten als Ausgangspunkt der Party am Morgen des 24. Dezember. Allerdings erhebt Kohla das Copyright für den Namen Heiligmorgen. „Das ist meine Wortschöpfung“, sagt er – kann sich aber nicht mehr so genau erinnern, wann alles begonnen hat.

1980 könnte es gewesen sein, meint er. Ganz sicher weiß er aber, dass es am 24. Dezember 1984 einen Heiligmorgen vor der „Kaiserhalle“ gab. „Damals hat mir ein Freund ein blaues Auge geschlagen“, erinnert sich Kohla. Und mindestens so eindrücklich: Als er zur Behandlung außer Haus war, wurde der ganze Umsatz geklaut. Kein Kavaliersdelikt, denn schon damals galt, dass der Heiligmorgen ein absoluter Umsatzbringer für die Kneiper ist.

„Für uns ist das der beste Tag im Jahr“, sagt Sacha Aufranc. Der „Rappen“-Chef, der selbst 14 Jahre in der „Kaiserhalle“ arbeitete, will sich deshalb nicht lange an der Frage der Entstehung aufhalten, für ihn zählt, dass der Heiligmorgen als „schöner Brauch“ bestehen bleibt. Daran zweifelt Kohla nicht. Für ihn ist das Fest der Liebe in Reutlingen längst auch zu einem „Fest der Freude“ geworden. Und er betont, dass es zwischen Heiligmorgen und anderen Events einen bedeutenden Unterschied gebe: „Wir hatten noch nie Stunk an diesem Tag.“

Den gab es auch heuer nicht. Selbst in der Oberamteistraße, die sich in den letzten Jahren zum Epizentrum des Weihnachtsvorglühens entwickelt hat, waren lediglich ein paar alkoholbedingte Ausrutscher auf nassem Geläuf zu verzeichnen. Hier eine im Übermut zerrissenen Hose, dort eine in den Rinnstein getretene Mütze nebst gefallenen Glasflaschen oder Plastikbechern – das Partyvolk war angetrunken aber friedlich. Was auch einem Marktbeschicker zugutekam, der mit seinem Lieferwagen mitten auf die überfüllte „Schinkenstraße“ geraten war. Freundliche junge Männer mit glasigen Augen und verrutschten Weihnachtsmann-Mützen lotsten den Geisterfahrer aus der Menge in die weihnachtliche Freiheit zurück.

Die Freiheit weiter auf der Straße bewirten und mit tausenden von Kunden Umsatz machen zu können, hatten sich die Gastronomen der Altstadt zuvor an einem (tatsächlich) Runden Tisch mit den beeinträchtigten Händlern und dem städtischen Ordnungsamt gesichert. „Wir haben uns über die Erreichbarkeit von Einzelhandelsgeschäften und über den Müll unterhalten“, beschreibt Ordnungsamtsleiter Albert Keppler das harmonische Gespräch. Und er betont: „Es hat niemand Einschränkungen gefordert. Auch die Geschäfte, die an diesem Tag Nachteile haben, nicht.“

Die Aussicht auf Schmuckverkauf unter Public-Viewing-Bedingungen, mit tausenden von Festgästen vor dem Schaufenster, ließ den Juwelier Wolfgang Piel sein Geschäft dann aber doch schließen. Und auch die Marktbeschicker hatten an Heiligmorgen mit den Widrigkeiten der vollen Stadt zu kämpfen. „Das ist ja unglaublich“, staunte ein Markthändler von der Alb, der sich nach getaner Arbeit dann doch noch in die Party-Masse vor der „Haus-Bar“ gewagt hatte.

Deren Betreiber Markus Benz, der seit Oktober auch im ehemaligen „Pastavino“ ausschenkt, weiß das Unglaubliche zu schätzen. Einen Spitzenumsatz machte er: „Da kann der ,Nachtschwärmer’ nicht mehr mithalten.“ Und eben, weil das so ist, bemühe er sich auch schon im neunten Jahr darum, die Belastungen für die Nachbarn – beispielsweise durch den Müll – in Grenzen zu halten. Damit der nächste Heiligmorgen kommen kann.

27.12.2011 - 08:30 Uhr | geändert: 27.12.2011 - 08:56 Uhr

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