Was treibt die Stadtverwaltung an, die Zelle plötzlich so in die Zange zu nehmen? Diese Frage beschäftigt seit geraumer Zeit all jene, die sich in Reutlingen mit der offenen Jugendarbeit beschäftigen. Warum soll das selbstverwaltete Zentrum zum Gewerbebetrieb werden? Eine eindeutige Antwort auf diese Fragen blieb die Reutlinger Stadtverwaltung bislang schuldig.
Der „umfangreiche Alkoholausschank“ in der Zelle zwinge sie zum Handeln, heißt es bei der Stadt nur. In einer Gemeinderatsvorlage werden Alkoholmissbrauch und Drogendelikte rund um die Insel alleine dem Zelle-Team untergeschoben. Kein Wort darüber, dass in der Nachbarschaft ein Puff steht, der von den Hells Angels geschützt wird. Keine Silbe zur Bedeutung der Tankstelle am oberen Ende der Albstraße. Dafür amtliche Zahlen, die das autonome Zentrum in Misskredit bringen sollen.
Bei engmaschigen Kontrollen anlässlich einer Party im Oktober, berichtete die Stadt den Räten, seien immerhin 16 Drogenverstöße aktenkundig geworden. Was nicht zu lesen ist: Bei tausend Besuchern am Abend entspricht dies einer Quote von 0,16 Prozent. Das mag im gestrengen Auge des Gesetzes zwar zu viel sein, realistisch betrachtet, dürfte diese Deliktdichte aber zumindest bei jeder zweiten Zeltfasnet zu erzielen sein. Vom weit verbreiteten Koma-Saufen bei der saisonalen Traditionspflege ganz zu schweigen.
Da stellt sich doch die Frage, was hat die Zelle getan, dass sie diese negative Vorzugsbehandlung genießen darf? Laut dem aktuellen Team des selbstverwalteten Jugendhauses ist auf der Insel in letzter Zeit nichts passiert, was es in der Vergangenheit nicht auch gegeben hätte. Im Gegenteil: „Die letzten zwei Jahre war es vergleichsweise ruhig“, sagt Zelle-Mitarbeiter Simon Bauer. Eine Entwicklung, die vom Team kräftig beeinflusst wurde. Anders als früher bietet die Zelle inzwischen Ordner auf, die den „Stress ums Haus“ in Grenzen halten sollen. Und auch die Ansage über der Zelle-Eingangstür (Bild) ist nicht nur Zierde: Der Ordnungsdienst kümmert sich um den Jugendschutz im Haus. Leibesvisitationen und Taschenkontrollen gibt es in der Zelle – was sich von selbst versteht – zwar nicht, aber wer auffällt, fliegt raus. Und was den Alkoholkonsum angeht: Bei der von der Polizei beanstandeten Party im Oktober hatten Minderjährige – kontrolliert – erst gar keinen Zutritt.
So viel Selbstbeschränkung und Eigenkontrolle ist längst keine Selbstverständlichkeit in autonomen Zentren. Weshalb sich bei der Frage nach dem Warum derzeit eine Antwort aufdrängt. Der Umgang zwischen Zelle und Stadtverwaltung hat sich drastisch verändert, seit der neue Ordnungsamtsleiter Albert Keppler seinen Dienst antrat. Vielleicht hat sich der als recht besonnen geltende Verwaltungsmann ja nur vergaloppiert. Es scheint so, als versuche er über das Trojanische Pferd der Konzession mehr Kontrolle über das autonome Zentrum zu erlangen. Sollte das so sein, muss ihn der Gemeinderat in die Schranken weisen. Ein Anfang wurde in der letzten Finanzausschuss-Sitzung gemacht. Eine Tatsache, die die Stadt nun zwar veranlasste, anders als in der Ratsvorlage vorgesehen, eine „außergerichtliche Beilegung des Konflikts“ in Aussicht zu stellen. Aus dem Zangengriff des Gewerberechts wollen die Ordnungsämtler die Zelle aber nicht entlassen. Der Rat hat noch Überzeugungsarbeit zu leisten.