Schauspielunterricht für Menschen mit Handicap hat begonnen
Seit fünf Jahren gibt es eine erfolgreiche Kooperation der Tonne mit der Theatergruppe von BAFF. Jetzt hat ein außergewöhnliches Projekt begonnen: Sechs Schauspieler/innen mit Handicap erhalten Schauspielunterricht.
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Können auch ohne Musik tanzen: Jochen Rominger und Bahattin Güngör beim Schauspielunterricht mit Regisseur Enrico Urbanek (von rechts nach links).Bild: Haas
Reutlingen. An drei Tagen arbeiten sie in einer Bruderhaus-Werkstätte, an den beiden restlichen Wochentagen ist ihr Arbeitsplatz die Tonne-Spielstätte in der Planie. Zwei Frauen und vier Männer, alle bereits mit Theatererfahrung in einer oder mehreren Tonne-Produktionen, erhalten dort seit kurzem professionellen Schauspielunterricht und damit eine gezielte Förderung ihrer besonderen Talente.
Für das ungewöhnliche Modellprojekt, das zunächst auf zwei Jahre angelegt ist, konnte neben den bekannten Kooperationspartnern (Lebenshilfe, Bruderhaus-Diakonie, Fakultät für Sonderpädagogik), die Ludwigsburger Paul-Lechler-Stiftung gewonnen werden. 30 000 Euro steuert die Stiftung bei. Damit werden die Dozenten finanziert. Die Schauspieler/innen erhalten ihre Arbeitsprämien weiterhin von den Werkstätten.
„Es handelt sich um eine klassische Mischfinanzierung“, beschreibt Rosemarie Henes die Konzeption. Alles in allem eine „tolle Sache“, wie sie findet. Auch Gerhard Droste, der Leiter der Bruderhaus-Werkstätten ist begeistert, wie immer, wenn Arbeitsplätze außerhalb der Werkstätten entstehen. Arbeitsplätze, die „betriebsintegriert“ sind und jetzt habe man erstmals einen Kulturbetrieb. Dass es sich dabei um eine Mischung aus Ausbildungs- und Arbeitsplatz handelt, stört Susanne Scheible vom Sozialdienst der Bruderhaus-Werkstätten nicht: „Bildung und Qualifizierung ist auch unser Auftrag.“
Wissenschaftlich begleitet wird das bundesweit beispiellose Projekt wieder von der Fakultät für Sonderpädagogik, zwei Studierende werden ihre Masterarbeit darüber schreiben. Die Bedingungen an der Tonne, meint Prof. Elisabeth Braun, seien absolut optimal: „Vielleicht wird eine eigene Sparte daraus.“
Choreographie, Bewegung, Sprecherziehung, Gesang, aber auch gemeinsames Zeitungslesen, gehöre zum Stundenplan der Jung-Schauspieler/innen, erläutert Tonne-Intendant Enrico Urbanek, der auch schon bei den vergangenen vier Produktionen mit Menschen mit Behinderungen Regie geführt hat. Es ist nicht immer einfach und manchmal eine Gratwanderung für die sechs etwas anderen Ensemble-Mitglieder. „Wie lerne ich einen Text auswendig?“, aber auch „Wie gehe ich mit Körperlichkeit und meiner Behinderung um?“ – solche Fragen treiben sie um.
Jobcoach Dominik Engel von den Bruderhaus-Diakonie kennt die Mitspieler/innen gut. Er ist als pädagogischer Begleiter beim Unterricht dabei, passt auf, dass niemand überfordert wird. Spannend findet er das Ganze, zumal er selbst alle Übungen mitmacht. Immer wieder kommt es zu berührenden Momenten. Für die Spieler mit Handicap, aber auch für die anderen.
Da ist beispielsweise Franziska Schiller. Sie sitzt im Rollstuhl, hat bereits bei der letzten Produktion „Die Bildnisse des Dorian Gray“ mitgespielt. Jetzt kommt sie in den Genuss der professionellen Ausbildung und erhält automatisch mehr Zuwendung. Im Rahmen des Trainings habe man sie immer wieder in die Mitte genommen, erzählt Urbanek, und sei ein paar Schritte mit ihr gegangen. In ihrem Alltag hatte dafür niemand Zeit. Plötzlich hätten sie festgestellt, dass Franziska beweglicher werde. Das sei zwar für die Zuschauer unmerklich. Aber das Glücksgefühl, das sie empfinde, sei authentisch: „Das kann sie auf der Bühne rüberbringen“.
Und zwar schon bald, denn einmal in der Woche proben die sechs zusätzlich zum Unterricht mit ihren Kollegen von der BAFF-Freizeit-Theatergruppe für die nächste Tonne-Produktion: „Pi oder was die Welt im Innersten zusammenhält“, Das Musiktheaterstück von Enrico Urbanek hat am 10. Mai Premiere.