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Der Arzt der Piloten

Roland Quast leitet Medizinisches Zentrum am Flughafen

Psychische Probleme, Diabetes und Blutverdünnung sind K.o.-Kriterien für Piloten. Denn nur wer gesund ist, darf ins Cockpit. Am Stuttgarter Flughafen testet der Reutlinger Arzt Roland Quast Piloten auf Herz und Nieren. Und auf mehr.

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Sabine Lohr
Ab 14 Jahren darf man den Flugschein machen – und muss dann auch zur Untersuchung. Der Reutlinger ... Ab 14 Jahren darf man den Flugschein machen – und muss dann auch zur Untersuchung. Der Reutlinger Arzt Roland Quast zeigt hier die sehr scharfe Aufnahme des Augenhintergrunds. Viele Krankheitsbilder sind mit solchen Aufnahmen zu erkennen. Das Auge auf dem Monitor zeigt keins davon. Bild: Grohe

Stuttgart. Mit Tattoos hat Roland Quast so seine Probleme. „Ich weiß nicht, ob das pathologisch ist oder einfach der Selbstdarstellung dient“, sagt der 62-jährige Mediziner, der das Aeromedical Center Germany am Stuttgarter Flughafen leitet. Doch auch Piloten mit Ganzkörpertattoos verweigert Quast das so genannte Medical nicht. Das Medical ist der Gesundheitsnachweis, den Piloten zur Ausübung ihres Berufs brauchen und der regelmäßig erneuert werden muss. Professionelle Kapitäne brauchen jedes Jahr ein neues Medical, ab 40 Jahren sogar alle sechs Monate.

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„Die meisten schaffen das ohne Probleme“, sagt Quast. Dennoch: Elf Prozent seiner Patienten sind den Vorgaben nach zunächst nicht tauglich. Sie sehen zu schlecht, hatten schon einmal einen Herzinfarkt oder leiden – das trifft vor allem auf Hubschrauberpiloten zu – unter Wirbelsäulenproblemen. Solchen Patienten rät Quast dann entweder zur Änderung der Lebensweise, zu einer Diät oder einfach auch zu einer stärkeren Brille. Befolgen die Patienten die Tipps und sind damit erfolgreich, bekommen sie eine Sondergenehmigung und dürfen wieder ins Cockpit. Nur für ein Prozent der Piloten kann auch Quast nichts mehr tun.

Seine Praxis hat Roland Quast in einem modernen Gebäude am Rand des Stuttgarter Flughafens. Von seinem an zwei Seiten verglasten Arbeitszimmer aus sieht er direkt auf die Landebahn. Alle paar Minuten kommt eine Maschine und setzt vor Quasts Fenster auf. Damit er auch die Starts verfolgen kann, hat sich der Arzt – selbst leidenschaftlicher Flieger – ein Fernglas ins Zimmer gestellt. „Zur Entspannung“, wie er sagt.

Der 62-jährige Arzt praktizierte bis vor einigen Jahren noch in Reutlingen. Nebenher untersuchte er aber auch damals schon Piloten. Als Leiter des Aeromedical Centers am Flughafen sind ihm zehn Ärzte unterstellt, dazu fünf Assistentinnen. Untersucht werden nicht nur Piloten, auch Flugbegleiter und Flughafenpersonal kommen zu Quast und seinen Kollegen. Für Fluggäste, die ein plötzliches Zipperlein haben, bleibt da nur noch wenig Zeit. „Die behandeln wir eigentlich kaum noch“, so Quast.

Zumal ein Pilot, der ein neues Medical braucht, stundenlang in der Praxis ist. Alles wird gecheckt: Blutdruck, Herz- und Lungenfunktionen, Belastbarkeit und die Sehkraft. Viele Krankheiten kann Quast mit der so genannten Fundusphotografie erkennen. Mit der wird der Augenhintergrund aufgenommen – mit einer Kamera, auf die Quast „besonders stolz“ ist. Tropfen, um die Pupille zu weiten, sind dazu nicht nötig. Der Patient setzt sich lediglich vor ein Gerät. Auf dem Monitor erscheint kurz darauf – sehr groß und sehr scharf – eine rotorangene Kugel. „Wir haben bei einem Patienten damit sogar mal einen kleinen Tumor entdeckt“, sagt Quast. Zu erkennen ist aber auch, ob mit der Durchblutung alles in Ordnung ist – nicht nur im Auge.

Das größte Risiko eines Piloten kann Quast aber auch mit den besten Apparaten nicht ausschalten. „Die Belastung ist enorm“, sagt er. Verkehrspiloten müssen früh aufstehen, müssen sich während des gesamten Fluges konzentrieren, durchfliegen an einem Tag oft mehrere Zeitzonen und haben wenig Schlaf. „Das belastet das Privatleben, aber auch die Gesundheit“, sagt der Arzt.

Mancher Pilot greift deshalb zur Flasche oder zu anderen Drogen. „Nach drei Jahrzehnten Praxis ahnt man bei manchem, dass da ein Problem ist“, sagt Quast. Für Süchtige hat er ein Therapieschema entwickelt, mit dem er nach eigener Aussage eine Erfolgsquote von 90 Prozent hat.

Bekommt ein Pilot das Medical nicht, ist seine Laufbahn beendet. Das will Quast möglichst vermeiden. Wo immer möglich, versucht er, dem Piloten Sondergenehmigungen zu verschaffen. So könne auch einer, der schon einen Herzinfarkt hinter sich habe, weiter seinem Beruf nachgehen. „Dessen Herz ist besser untersucht als jedes gesunde“, begründet das der Arzt. Doch allzu hoch pokern sollten Piloten nicht. So riet Quast einmal einem Patienten, die Fliegerei aufzugeben. „Der hatte, nachdem er durch ein Gewitter geflogen war, unheimlich große Angst.“

Die große Mehrheit von Quasts Patienten aber sind von der Flugleidenschaft gepackt und achten allein deshalb schon auf ihre Gesundheit. Besonders motiviert sind die jungen Menschen, die erst ganz am Anfang ihrer Karriere stehen und den Pilotenschein erst noch machen müssen. Und das kann fast jeder: „Wenn ein junger Mensch gesund ist, kann er Pilot werden.“

20.08.2010 - 08:30 Uhr | geändert: 20.08.2010 - 15:22 Uhr

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