Es war einfach nur schön. Traurig, kraftvoll, aber auch leicht. Urbane Jazz-Melodien trafen auf arabische Klänge, die ihren Ursprung in der Hirtenmusik Algeriens (Rai) haben. Chaouki Smahi hat seinem 2009 verstorbenen Freund Charlie Mariano im Kulturzentrum franz. K einen wundervollen Abend geschenkt.
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Matthias Stelzer
Jazz-Highlight "Tribute to Charlie Mariano" im franz k.
Der vielheimische Algerier Smahi, der seit 1996 auch einen Wohnsitz in Reutlingen hat, trommelte für seinen „Tribute to Charlie Mariano“ Musiker zusammen, die mit dem großen US-amerikanischen Jazz-Saxofonisten dessen letztes Studio-Album, die Smahi-Produktion „La Rose Du Sable“, aufnahmen. Allesamt Musiker, die man abseits der europäischen Metropolen nicht alle Tage zu hören bekommt. Sieben weltläufige Jazz-Engel für Charlie eben.
Schon alleine die Besetzung des Schlagzeugs rechtfertigte den Besuch des Konzerts. Billy Cobham, ein Mann der Jazz-Rock-Geschichte geschrieben hat, saß am Set. Und er tat genau das, was er in einem TAGBLATT-Interview vergangene Woche auch angekündigt hatte, er trommelte nicht, er spielte, streichelte und rieb seine Becken und Toms. Cobham war ein stets präsenter, unaufdringlicher Antreiber – und hatte mit dem Schweizer Heiri Känzig einen Kontrabassisten an seiner Seite, der das Spiel mit Cobham lebte – und augenscheinlich auch liebte.
Zusammen mit Chaouki Smahis Bruder Yahia, der mit der Derbouka den metallischen arabischen Beat beisteuerte, hatte das Charlie-Mariano-Gedenkkonzert eine Rhythmusbasis, die auch im Weltklasse-Jazz nicht alltäglich ist. Die Sandrose wurde im franz. K deshalb nicht nur vom weltmusikalischen, warmen arabischen Wüstenwind gestreichelt, sie wurde auch vom Fusion-Schlagzeug Cobhams geschüttelt. Dazu griff Mike Herting impulsiv in die Tastatur des Jazz-Flügels, Gitarrist Paul Shigihara legte seinen Mitmusikern einen trancemäßigen Klangteppich zu Füßen und der Saxophonist und Flötist Heiner Wieberny stellte sich zurückhaltend seiner Aufgabe, den Platz von Charlie Mariano einzunehmen.
Lauschte man der Musik mit geschlossenen Augen klang es zuweilen so, als hätte der in Köln an Krebs gestorbene Mariano doch noch auf einen Sprung in Reutlingen vorbeigeschaut. Besonders bei der Mariano-Komposition „17 Cross“ kam die Erinnerung an den sensiblen Saxofonisten aus Boston hoch. Getragene Klänge, die sich in orientalische Melodien verwandeln, dazu die dezent weinerliche Geige von Smahi – besser hätte Mariano das Gedenken an seine Musik nicht arrangieren können. Schließlich war er der erste Jazzer von Weltruhm, der sich begierig den Einflüssen der Ethnomusik öffnete. Die sonore arabische Laute von Smahi, die Derbouka seines Bruders, die sphärische Gitarre und das feine Spiel von Cobham – das alles korrespondierte am Freitagabend bestens. Die 350 Besucher/innen im franz. K befanden sich musikalisch irgendwo zwischen einem Jazzclub und der „Sidi El Houari“, der Altstadt der algerischen Hafenstadt Oran, in der die Smahi-Brüder aufwuchsen.
Ein guter Ort war dieses Irgendwo. Weil die Musiker an ihm ganz bei sich und ihrem gemeinsamen Projekt waren. Die Erinnerung an Charlie Mariano – der einst mit jedem einzelnen der in Reutlingen auftretenden Jazzern auf der Bühne stand – wurde gelebt, nicht runtergespielt. Die Rose Du Sable blühte frisch. Vielleicht weil eine geplante Probe im franz. K entfallen musste. Smahi war Zuhause beim Vorbereiten des Kuskus für die Musiker gründlich in Verzug geraten.