Der Journalist Bernd Serger beleuchtete am Donnerstag in einem thematischen Stadtrundgang die Geschichte jüdischer Reutlinger/innen und die Deportation von 1941.
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Matthias Reichert
So sah es hier in den 1930er Jahren aus. Mit Bernd Serger (rechts) beim Stadtrundgang auf den Spuren der jüdischen Bevölkerung Reutlingens: Wo heute Zinser am Marktplatz seine Filiale betreibt, war bis 1937 das Kaufhaus von Samuel Kahn.Bild: Haas
Reutlingen. Vor 70 Jahren begann die erste große Deportation jüdischer Bürger/innen aus Württemberg und Hohenzollern. Rund 1050 Juden deportierten die Nazis am 1. Dezember 1941 in vier Tagen vom Stuttgarter Nordbahnhof nach Riga, in die von den Deutschen besetzte Hauptstadt Lettlands. Männer, Frauen und Kinder fuhren im Güterzug in Viehwägen, bei eisiger Kälte, sie mussten bis auf 50 Kilo ihre gesamte Habe zurücklassen. Unter ihnen waren 16 Juden aus Reutlingen. Sie waren zuvor am 29. November zunächst ins Sammellager auf den Killesberg gebracht worden.
In Riga wurden die Verschleppten in das zerstörte Gut Jungfernhof getrieben, wo sie den bitterkalten Winter verbrachten – in ungeheizten Ställen mit offenen Dächern, in achtfach aufgeschichteten Etagenbetten, bei miserabler Ernährung. Am 26. März 1942 verfrachteten SS-Posten die Überlebenden auf Lastwagen – zur Arbeit in einer Konservenfabrik, wie es hieß. Stattdessen fuhr man sie in den Hochwald über Riga, wo die Nazis sie erschossen und in Massengräbern verscharrten.
Von 32 000 deportierten deutschen Juden starben in Riga laut Serger 31 000. Zuvor hatten die Nazis dort die jüdische Bevölkerung im Getto liquidiert – anderthalb Prozent überlebten von rund 60 000 lettischen Juden, berichtete der Journalist. Von den Deportierten aus Reutlingen überlebten drei, darunter die kurz zuvor zwangsweise nach Haigerloch umgesiedelte Rose Geissenberger, geborene Schubin.
Am Leben blieb auch das Ehepaar Alice und Heinrich Rosenrauch, das ein Schuhgeschäft in der Wilhelmstraße betrieben hatte. In der Pogromnacht am 9. November 1938 nahmen die Nazis Heinrich Rosenrauch in Gewahrsam. Seine Frau und seine Mutter mussten sämtliche Schuhe aus dem Lager auf die Straße werfen – so dass am nächsten Morgen die Straßenbahn nicht mehr vorbeikam, erzählte Serger. Heinrich Rosenrauch kam bis Weihnachten ins KZ Dachau. Er war schon 1935 nach Palästina ausgewandert, kehrte aber zurück, weil er seine Mutter nicht in Reutlingen zurücklassen wollte. Frime Rosenrauch zog später in ein jüdisches Altersheim in Weißenstein. Sie meldete sich 1941 freiwillig zur Deportation, um mit Sohn und Schwiegertochter zu gehen – und wurde kurz nach der Ankunft in Riga von den Nazis getötet.
Die Geschichte der Rosenrauchs ist in dem 2005 erschienen Buch „Es gab Juden in Reutlingen“ von Serger und Karin-Anne Böttcher nachzulesen. Der frühere Reutlinger Redaktionsleiter des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTs führte am Donnerstag etwa 50 Reutlinger zu den Spuren der jüdischen Bürgerschaft der Stadt. Er erzählte auch vom Kaufhaus von Samuel Kahn am Marktplatz. Kahn verkaufte es 1937, als die Nazis ihn zu Unrecht verdächtigten, mit einer „arischen“ weiblichen Angestellten sexuelle Beziehungen gehabt zu haben – „Rassenschande“, nannten die Nazis das in ihrer Hetze. Das einzige jüdische Geschäft, das in der NS-Zeit zu einem fairen Preis den Besitzer gewechselt habe, sei der „Kronenladen“ in der unteren Wilhelmstraße gewesen, für viele das erste Textilhaus am Platze. Es gehörte seit 1913 der Stuttgarter Familie Landauer. 1936 übernahm es die Firma Kögel für 500 000 Reichsmark.
Serger skizzierte die Geschichte jüdischen Lebens in Reutlingen bis zurück ins Mittelalter, erzählte von Pogromen und Diskriminierungen und vom Schicksal ostjüdischer Einwanderer, stellte Fabrikantenbiografien vor wie die der Familie Haarburger. Wo sie früher ihre Kunstlederfabrik betrieben, ist heute am Bahnhof ein Parkplatz. Der einstige „Arisierer“ des jüdischen Betriebs, wusste Serger, wurde nach dem Krieg der Treuhänder für ihr Vermögen.