Die Baustelle Kunst ist eingerichtet: Noch bis zum Ende der Festivalwoche arbeiten Künstlerinnen und Künstler mit Behinderung open air rund um das Rathaus. Ihre Werke werden im Rathaus-Foyer und am Samstag auf dem Marktplatz ausgestellt.
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Franz Krummholz arbeitet seit Jahren in der Kunstwerkstatt Gmunden der Lebenshilfe Oberösterreich. Bis zum Samstag ist er gemeinsam mit Künstlerinnen und Künstlern aus vier weiteren Ateliers von Menschen mit Behinderungen bei der Baustelle Kunst hinter dem Rathaus kreativ.Bild: Haas
Reutlingen. Ein Schwerpunkt des 5. „Kultur vom Rande“-Festivals ist die bildende Kunst. Und die soll – ganz gemäß dem diesjährigen Motto „Ab in die Mitte!“ – „so mittig wie es irgend geht, präsentiert werden“, sagt die künstlerische Leiterin Elisabeth Braun. Was liegt da näher als der Reutlinger Marktplatz?
Fünf Ateliers von Menschen mit Behinderung arbeiten seit gestern im Freien an ihren teils großformatigen Arbeiten vor dem Rathaus. Darunter auch die Malwerkstatt Wilhelmsdorf von der noch bis zum 21. Mai Arbeiten in der Stadtbibliothek zu sehen sind, und eine Gruppe der Bruderhaus-Diakonie mit dem schönen Namen „Mal was anderes“ .
Parallel dazu stellen drei dieser Kunstwerkstätten im Foyer der Kreissparkasse aus: die Kunstwerkstatt der Lebenshilfe aus dem oberösterreichischen Gmunden, das Atelier 5 von Mariaberg und die Halle 016 der Bruderhaus-Diakonie. Für Braun war die Ausstellung in der Kreissparkasse ein Wiedersehen mit „den Leuten der ersten Stunde“. 1998 hat sie in Reutlingen das Kunstsymposion „Andersart“ organisiert, aus dem später das Atelier 5 in Mariaberg hervorging. Christoph von Aichelburg ist einer dieser Künstler der ersten Stunde. Seine bunten (Blumen)Bilder strahlen eine große Fröhlichkeit aus.
„Bei uns ist die Baustelle Kunst Programm“, erklärt Axel Klöss-Fleischmann, der Leiter vom Atelier 5. Da ist beispielsweise Roland Kappel der die Anregungen und bisweilen auch die Materialien für seine fantasievollen Fahrzeuge auf Baustellen findet. Seine eigenwilligen Objekte mit dem Label „RK Baumission“ haben mittlerweile ihre Kunstliebhaber in ganz Deutschland gefunden.
„So unglaubliche Potenziale gehören gefördert“, findet auch Ferdinand Reisenbichler, der Leiter der Kunstwerkstatt Gmunden Lebenshilfe. „Wir stellen nie im Kaffeehaus aus, wo die Menschen achtlos vorbeigehen, sondern immer in renommierten Galerien“, lässt er an der Qualität der Arbeiten, die in Gmunden entstehen, keinen Zweifel aufkommen. Auch daran nicht, dass es sich bei den Künstler/innen, die mit ihm nach Reutlingen gekommen sind, um „Kollegen, nicht um Klienten“ handelt. Die mehrfach ausgezeichneten Künstler/innen aus Gmunden arbeiten häufig in Serien und finden ihre kreativen Ideen in ganz alltäglichen Gegenständen.
Wie Ernst Schmid, der seit 20 Jahren alltäglich Werbeprospekte penibel nach neuen Produkten durchsucht. Die Produkte verarbeitet er in seinen „Waren.Welt“-Bildern und stellt so auf augenfällige Weise die Überfluss-Gesellschaft dar. „Kunst“, sagt Reisenbichler, „ist unser Leben“. Und sie gibt die Freiheit, sich selbst zu verwirklichen. Die 23-jährige Sophie Beisskammer wechselte 2009 von der Küche in die Kunstwerkstatt. „Das Kochen interessiert mich nicht, ich will malen“, erklärte sie damals. Ihre originellen Arbeiten in der Kreissparkasse zeigen, dass sie ihre Bestimmung gefunden hat.
Eine Erfahrung, die auch Johannes Joliet, der Leiter vom Atelier Halle 016 der Bruderhaus-Diakonie immer wieder macht. David Christenheit ist einer der Reutlinger Künstler, der von Anfang an bei Halle 016 mitarbeitet und ganz in seinen Bildern lebt. Beeindruckende Frauenporträts hat er geschaffen, aber auch dynamische Tänzer, die er, wenn eine nicht ausreicht, über mehrere Leinwände verteilt.
Großformatig und expressiv sind die Arbeiten von Nicole Späth und Erich Rosenberger. Rosenberger hat es geschafft, seinen Freund Siggi Lessmeister, der sich das Malen zunächst nicht zutraute, aus der Reserve zu locken. Die beiden sind wie Brüder. Jetzt malen sie auch gemeinsam. Noch bis zum Samstag vor dem Rathaus und danach wieder in der Halle 016.
Info: Die kleineren Arbeiten, die auf der Baustelle Kunst entstehen, werden im Rathaus-Foyer ausgestellt, die großformatigen werden am Samstag beim Abschluss des Festivals auf dem Marktplatz zu sehen sein.