„Lebensspuren und Schicksale jüdischer Schülerinnen“ hat der ehemalige Schulleiter Wilhelm Borth in einem Vortrag nachgezeichnet. Dazu hatte der Freundeskreis des Isolde-Kurz-Gymnasiums am Freitagabend auch die Zeitzeugin Hanna Haarburger eingeladen.
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Arwen Möller
Zeitzeugin Hanna Haarburger und der frühere Schulleiter Wilhelm Borth. Bild:Haas
Reutlingen. Sie ist froh, wenn alles schweigt. Nur eines möchte Hanna Haarburger zu den 70 Gästen des Vortrags von Wilhelm Borth sagen und von den letzten Worten ihres Vaters Karl Haarburger berichten, der 1935 mit 42 Jahren starb: „Der Mensch denkt und Gott lenkt“, habe der Reutlinger Fabrikant Haarburger gesagt. Weil er auch Jude war, habe Gott ihn rechtzeitig weggenommen, sagt Hanna Haarburger: „Denn wenn Vater nicht gestorben wäre, hätte meine Mutter als Jüdin gegolten.“
Dann hätte sie und ihre Mutter wahrscheinlich ein ähnliches Schicksal ereilt, wie ihre Tante Alice Haarburger. Wilhelm Borth zeigt in seinem Vortrag eine Zeugnisliste von 1899, auf der der Name der Reutlinger Künstlerin steht – mit israelitischer Religion. 1942 wurde Alice mit der ersten Sammeldeportation nach Riga verschleppt und dort exekutiert.
Für Hanna Haarburger ist der Verlust ihrer Verwandtschaft ein dauerhafter Schmerz. Laut dem Band „Reutlingen 1930 bis 1950“ lebten 1942 nur noch sieben Juden in er Stadt. In den 1930er Jahren sollen es über 100 gewesen sein. „Jüdische Schüler wurden schon wenige Monate nach der Machtergreifung diskriminiert“, sagt Wilhelm Borth, der ehemalige Schulleiter des IKG, in seinem Vortrag.
Bereits ab April 1933 seien jüdische Schüler kontingentiert worden. An der damaligen Isolde-Kurz-Mädchenrealschule waren Marta Elsässer, Hannelore Maier und Ilse Frech von dem Erlass betroffen, konnten jedoch dank des „Frontkämpferprivilegs“ ihrer Väter zunächst bleiben.
„Doch die wirtschaftlichen Repressionen entzog den Familien die Lebensgrundlage.“ Die Schülerin Marta Elsässer und ihre Familie emigrierten 1933 nach Palästina. Ilse Frech verließ 1936 die Mädchenrealschule – „aus rassischen Gründen“. 1938 emigrierte die Familie Frech mit der jüdischen Verwandtschaft Salmon in die USA.
Die 1933 eingeschulte Hannelore Maier konnte 1936 mit einem Stipendium auf ein englisches Internat gehen und später dorthin auch ihren Bruder retten. Doch ihr Vater – durch den Boykott von jüdischen Geschäften in den Konkurs getrieben – beging Selbstmord. Ihre Mutter wurde in den Gaskammern von Auschwitz ermordet.
Wilhelm Borth schildert, wie schwer Hannelore Maier und ihr Bruder an dem Verlust zu tragen hatten. Wie Hanna Haarburger an diesem Abend, haben auch die beiden Geschwister im Alter dem IKG einen Besuch abgestattet.
Woran Hannelore Maier seit ihrer Schulzeit schwer trägt, zeigt Borth anhand einer ihrer Skizzen: Eine Frau geht schwer. Sie hat einen Buckel so groß wie ein riesiger Rucksack. Darauf ein Davidstern.