Der Verein Arbeiterbildung Reutlingen berät Bedürftige ehrenamtlich
Kampf mit den Papierstapeln
Seit 1981 berät die Arbeiterbildung Erwerbslose und Empfänger von Sozialleistungen in Reutlingen. Mitarbeiter des Vereins helfen seit Jahren ehrenamtlich.
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Julia M
„Das gr
Reutlingen. Wolfgang Clement, ehemaliger Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit, verkündete einst, er könne einen Antrag auf Arbeitslosengeld in 30 Minuten ausfüllen. Diese Behauptung muss für all jene absurd klingen, die es auch wirklich tun müssen. Zum Beispiel ein Paar mittleren Alters, das verwirrt im Büro der Arbeiterbildung sitzt und Hilfe braucht. Der Mann soll einen Fortsetzungsantrag ausfüllen, der nach einem Erstantrag auf Arbeitslosengeld II notwendig wird. Dafür muss er dem Jobcenter Unterlagen zusenden, aber welche? Auf dem Blatt, das ihm das mitteilen soll, stehen mindestens 40 Punkte, keiner davon wurde von den Sachbearbeitern des Jobcenters angekreuzt. In den oft zentimeterdicken Antragsformularen werfen komplexe Formulierungen Unklarheiten auf.
Um Licht ins bürokratische Dunkel zu bringen, unterstützt der Verein Menschen, diese Anträge auszufüllen. Noch wichtiger, so der Hauptberater Peter Langos, ist das Prüfen von Bescheiden. Inzwischen seien 70 Prozent aller Mitteilungen, die er zu Gesicht bekommt und die vom Jobcenter verschickt wurden, schlichtweg falsch. „Da passieren grobe Sachen: Es werden Kinder vergessen oder Einkommen angedichtet, die die Leute gar nicht haben.“
An jedem Öffnungstag kommen etwa zehn Ratsuchende in die Beratungsstelle, Tendenz steigend. Die gegenwärtige Krise macht sich zwar noch nicht stark bemerkbar, doch es gibt bereits vermehrt Anfragen von Kurzarbeitern. Auch viele Alleinerziehende suchen mittlerweile Rat beim Verein. – Das Paar mit dem Fortsetzungsantrag muss außerdem erklären, ob die Tochter noch zu Hause wohnt. Bis zum Alter von 25 Jahren besteht „Stallpflicht“, sagt der Berater. Eltern bilden bis zu diesem Alter mit ihren Kindern „Bedarfsgemeinschaften“, sie sind deshalb unterhaltspflichtig. Die Tochter bekäme im Falle eines Auszugs weniger oder gar kein Geld von den staatlichen Einrichtungen.
Langos fragt auch nach den Vermögensverhältnissen des Ehepaars und scherzt: „Haben Sie irgendwo einen Picasso versteckt?“ Die Frau lacht auf. Die Frage hat aber einen ernsten Hintergrund, denn Hartz-IV-Bezieher dürfen kein größeres Vermögen besitzen. Dazu zählt auch ein Bild, das sich zu Geld machen lässt. So etwas prüft der Sonderkontrolldienst des Jobcenters, der häufig unangekündigt zu den Betroffenen komme, sagt der Berater. Man müsse ihn in diesem Fall aber nicht ins Haus lassen. – Ein Diplom-Betriebswirt, hatte fünf Monate lang einen Ein-Euro-Job. Für Langos ein Ärgernis. Die so genannte Mehraufwandsentschädigung „untergräbt flächendeckend echte Beschäftigungsverhältnisse“.
Eine Rat suchende Frau ist schließlich erleichtert, als sie erfährt, dass sie ihre Lebensversicherung nicht auflösen muss. Da sie sonst nichts besitzt und die Versicherung erst seit wenigen Jahren hat, kann sie vorerst aufatmen. „Ich werde widerwillig auch zum Versicherungsexperten“, sagt Langos.
Das größte Problem des Vereins ist, dass Langos, Daniel Dohmel als Vorsitzender und andere Mitarbeiter die Überlastung des Jobcenters kompensieren und bei steigendem Beratungsbedarf weiterhin unbezahlt arbeiten. Die Stadt Reutlingen trägt zwar die Raummiete, der Verein, der 1981 gegründet wurde und aus der Arbeiterwohlfahrt hervorging, finanziert sich aber sonst nur über Spenden. Langos hat diese finanzielle Unsicherheit schon mehrfach beklagt.
Vor der Wahl informierte der Verein die Kandidatinnen und Kandidaten für den Gemeinderat und Kreistag über die Situation. Dass Vertreter verschiedener Parteien überhaupt kamen, sei erstaunlich. Was aus dieser Information gemacht wird, werde sich noch zeigen. „Die Mühlen mahlen langsam“, so Langos.
Info
Geöffnet ist das Büros in der Oberamteistraße 28 jeweils am Montag, Mittwoch und Freitag von 9.45 bis 12.30 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung unter 07121 / 23 99 97, E-Mail: beratung@arbi-rt.de.