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Artisten des Trottoirs

Jugendliche von „Airflow“ nutzen Plätze als Arena

Bei der neuen Trendsportart Parkour überwinden Traceure springend und kletternd Hindernisse auf Straßen und Plätzen. Dass es Parkour auch in Reutlingen gibt, ist vor allem YouTube zu verdanken.

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Fabian Everding

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Reutlingen. Es ist schneidend kalt an diesem Mittwochnachmittag. Teilweise liegen Schnee und Eis am Boden. Doch das hindert die Jungs von „Airflow“ nicht daran, rund um den Platz zwischen Rathaus und „Alexandre“ von Mauer zu Mauer zu springen oder gewagte Rückwärts-Salti zu proben. Was die Schüler zwischen 14 und 18 Jahren hier fünf bis sieben Mal die Woche machen, ist eine Mischung aus Parkour und Freerunning.

Der Salto rückwärts von der Mauer ist vielleicht eine der spektakulärsten Bewegungen, mit der ... Der Salto rückwärts von der Mauer ist vielleicht eine der spektakulärsten Bewegungen, mit der die Jungs von „Airflow“ punkten können. Darüberhinaus gibt es viele weitere Grundformen wie etwa den Präzisions-Sprung auf einen bestimmten Punkt hin, den „Katzensprung“ oder das Balancieren. Bild: Haas

Die meisten der Acht- bis Zehntklässler aus Reutlingen und Umgebung haben die noch vergleichsweise unbekannte Sportart über Internet-Videos kennengelernt. Beim Herumstöbern auf YouTube sind sie auf spektakuläre Filme gestoßen, die meist leicht verwackelt mit der Handkamera gefilmt und ins Netz gestellt wurden. Allein die Suche nach „Parkour Reutlingen“ ergibt derzeit 27 Treffer, ohne Angabe der Stadt spuckt das bei Jugendlichen populäre Videoportal sogar 306 000 Treffer aus.

Zueinander fand „Airflow“ teils über ein Internet-Forum, teils über den privaten Freundeskreis. Angefangen hat alles mit Marius, 17, und Rene, 18, die sich vom Kicken beim TSV Eningen her kannten. 2007 sind die beiden auf „Parkour Reutlingen“ aufmerksam geworden, wo sie einiges gelernt und drei Monate lang gemeinsam mit der Gruppe trainiert haben. Später trennten sich die Wege wieder. Rene und Marius wollten erstmal nur zu zweit üben und schlossen sich schließlich zur Gruppe „Airflow“ zusammen, die inzwischen auf zehn Mitglieder angewachsen ist.

Sehen kann man die Artisten des Trottoirs fast überall in Reutlingen, wobei sie sich besonders gern am Bowling-Center treffen und beim Rathaus am liebsten ihre „Katzen“ machen. So nennt man im Szene-Jargon eine Bewegung „vergleichbar mit einem Hocksprung beim Turnen“, wie Rene erklärt. Einen Mangel an geeigneten Plätzen sieht er jedenfalls nicht: „Da gibt es in Reutlingen ziemlich viele Optionen.“

Trotzdem bereisen Mitglieder der Gruppe fast jedes Wochenende andere Städte, um sich miteinander auszutauschen und neue Plätze auszuprobieren. „Das ist natürlich interessanter, als wenn man den ganzen Tag immer hier trainiert“, meint Marius und lobt besonders die Solidarität innerhalb der Szene: „Die sind alle sehr gastfreundlich, nehmen einen auch zu Hause auf. Das heißt, man braucht nicht unbedingt hohe Kosten für die Unterkunft auszugeben.“ Diese „familiäre Atmosphäre“ sieht er in Gefahr, wenn das Hobby zum Wettbewerbssport verkommen sollte, was die Szene aber entschieden ablehnt.

Häufig sind die Jungs, die „auch oft gemeinsam unterwegs“ sind, am Wochenende in Fellbach: Dort hat sich eine Stuttgarter Parkour-Gruppe den Zugang zum Jugendhaus gesichert. In der Halle können besonders die artistischen Formen gut trainiert werden. Dabei übt man zum Einstieg erstmal mit einer weichen Matte auf dem Boden, „so dass gar nichts passieren kann“, erklärt Marius. Später turnt man dann aus größerer Höhe über der Matte, bis man sich schließlich über Sand und Wiese bis hin zum harten Boden als Untergrund immer mehr zutraut.

„Es ist so gefährlich wie man es sich selbst macht“, kontert Rene die Frage nach den Risiken: „Wenn man sich nicht überschätzt verletzt man sich nicht wirklich.“ Marius dagegen sieht zumindest kleinere Schürfwunden „fast schon an der Tagesordnung“. Doch „wir sind eigentlich alle immer auf Sicherheit bedacht“ versichern die Jugendlichen, die gerade noch die knapp vier Meter hohe Mauer am Rathaus hochgeklettert sind. Bisher hat die Gruppe noch keine dramatischen Verletzungen erlebt, nur einer hat „eine dicke Narbe“ am Schienbein.

Wenn Anwohner die Jugendlichen auf einer Mauer sehen, dann kommt es manchmal zu Missverständnissen: „Die denken immer gleich: Der macht irgendwas kaputt“, sagt Marius. „Aber wir wären ja schön blöd, wenn wir unsere eigenen ‚Trainingsgeräte‘ kaputt machen würden.“

Parkour und Freerunning

Beim Parkour versucht der Traceur vor allem, sich möglichst schnell und effizient von A nach B zu bewegen. Freerunning dagegen bedeutet „auch ein bisschen auf den Style zu achten“, wie der 17-jährige Moritz Sommer erzählt. So sind der Kreativität der Bewegung beim Freerunning keine Grenzen gesetzt, und es können Salti oder Radschlagen mit eingebaut werden. Denn die sind für das schnelle Fortkommen eigentlich nicht nötig, sehen aber dafür beeindruckend aus.

Parkour geht zurück auf den französischen Schauspieler David Belle. Laut Website der „Parkour Worldwide Association“ lebte er Ende der 80er Jahre im Pariser Vorort Lisses, wo er sich mit anderen Jugendlichen wilde Verfolgungsjagden über Tischtennisplatten, Mauern, Treppen und Zäune lieferte. Daraus entwickelte er die Kunst des schnellen Überwindens natürlicher und künstlicher Hindernisse in der Stadt zum Sport. Für Parkour gibt es keine Wettbewerbe, vielmehr soll der Spaß an der Bewegung im Vordergrund stehen.

13.03.2010 - 08:30 Uhr | geändert: 13.03.2010 - 10:04 Uhr

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