Die Fastenaktion war nicht unumstritten. „7 Wochen ohne – 4 Wochen mit Hartz“ – dieser Ansatz galt manchen als zu verspielt. Doch jetzt legten die Teilnehmer/innen ein ernstes Ergebnis vor: Hartz IV grenzt aus.
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Matthias Stelzer
Reutlingen. „Sobald man außer Haus ist, wird es schwierig“, sagt Jürgen Rist. Der Reutlinger Diakon ist, wie fast alle seine Mitstreiter/innen, vier Wochen mit dem Hartz-Regelsatz ausgekommen. Allerdings nur, weil er bei Discounter eingekauft und nach Ehrenamtsveranstaltungen auf den Kneipenbesuch verzichtet hat. „So sind bei mir einige Fenster aufgegangen“, beschreibt er dieses Erlebnis.
Rist begriff plötzlich, warum einer seiner Bekannten, der wirklich und ohne zeitliche Begrenzung vom eingeschränkten Arbeitslosengeld lebt, nie auf Einladungen zum gemeinsamen Ausgehen reagiert. „Mit Hartz IV werden Kneipenbesuche peinlich“, hat er während der Fastenaktion festgestellt.
„Wo Kontakt zu anderen Menschen stattfindet, funktioniert es nicht mehr“, sagt auch Susanne Schur von der Bad Uracher Gruppe. Wie die meisten Teilnehmer/innen ist sie erschrocken, wie schnell die staatlich verordnete Armut ausgrenzt: zum Beispiel, wenn das kollegiale Miteinander darunter litt, dass die Faster/innen entgegen ihrer Gewohnheit zum Mittagessen nachhause fahren mussten.
Für Heidrun Schmid-Salzer ist klar, dass es in den vier Fastenwochen nicht um die Sattheit ging, sondern um die „Frage der Würde“. Wer in unserer reichen Gesellschaft kein Geld hat, müsse sich schnell fragen, ob er noch Teil der Gesellschaft sei. Anders als in armen Gesellschaften – beispielsweise in Afrika – sorge das große Gefälle hierzulande dafür, dass man als Außenseiter wahrgenommen werde. Für Schmid-Salzer ist deshalb eindeutig: „Wir sollten dafür sorgen, dass in unserem reichen Land niemand so leben muss.“
Dieser Meinung ist auch Günter Klinger. Der Reutlinger Geschäftsführer des Diakonischen Werks hat in der Vergangenheit viele Vorträge zum Thema Armut gehalten, in denen er zum gleichen Ergebnis kam. Dennoch hat auch er aus der Fastenaktion gelernt: „Der große Gewinn ist, dass bei uns jetzt nicht mehr nur theoretisch diskutiert wird.“ Gerade das persönliche Erleben habe die Wahrnehmung massiv verändert, sagt er – auch an die Adresse jener, die den Teilnehmerinnen vorgeworfen hatten, sie seien „Hobby-Hartz-IVler“.
Jetzt werden die Abgeordneten informiert
Das bestätigt auch Schmid-Salzer: „Die Gespräche im persönlichen Umfeld haben plötzlich ein ganz andere Qualität erreicht.“ Und allenthalben wuchs das Bedürfnis, was gegen die – inzwischen auch vom Bundesverfassungsgericht als „menschenunwürdig“ eingestuften – Regelungen zu unternehmen. Günter Klinger bezeichnet die Fastenaktion deshalb auch eine „andere Form der Lobby-Arbeit“.
Sie soll weitergehen. In Form von gesteigertem persönlichem Einsatz für die Belange der Bezieher/innen von Arbeitslosengeld II. Aber auch politisch: Die Teilnehmer/innen der Fastenaktion werden jetzt die Bundestagsabgeordneten des Wahlkreises Reutlingen zu einem Gespräch einladen. Sie wollen Ernst-Reinhard Beck (CDU), Beate Müller-Gemmeke (Grüne) und Pascal Kober (FDP) mit ihren Erfahrungen konfrontieren – „weil die ja auch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts umsetzen müssen“.
Darüberhinaus soll es auch im nächsten Jahr eine Fastenaktion „in ähnlicher Form“ geben. Schon alleine, um „den vielen Leuten, die im Stillen teilgenommen haben“, eine neue Chance zu bieten. Auch das war übrigens ein Ergebnis: Bei den Teilnehmer/innen und beim Diakonieverband gingen unaufgefordert Spenden und konkrete Hilfsangebote ein.