Besser als zunächst gedacht
Grüne sind mit Stadtwerken und Fair-Energie durchaus zufrieden
Mit zwei Anträgen zur regionalen Erzeugung alternativer Energien warteten gestern die Grünen auf – und mit einem Eingeständnis: Stadtwerke und Fair-Energie haben sich entgegen einstiger Befürchtungen erfreulich entwickelt.
Bernd Ulrich Steinhilber
Reutlingen. Nach Ablauf der fünfjährigen Amtszeit in den Aufsichtsgremien des Reutlinger Stadtwerke-Konzerns wollten die Mitglieder der Grünen Bilanz ziehen – eine Bilanz, bei der die Stadtwerke (SWR) und deren operativer Ableger, die Fair-Energie, überraschend gut wegkamen.
„Wir haben uns getäuscht“, räumte die frühere Stadträtin Heide Schnitzer ein, die vor zehn Jahren bei der Umgründung der Stadtwerke in zwei GmbHs mit ihrer Fraktion noch zu den schärfsten Kritikerinnen zählte. Tatsächlich sei „alles viel besser verlaufen als befürchtet.
Ihrer Einschätzung nach konnten Stadtwerke und Fair-Energie „in weiten Kreisen der Bevölkerung einen Imagegewinn verzeichnen“. Habe man sie einst als „Handlager der Energiegiganten“ betrachtet, stünden sie heute als Einrichtung da, die sich für eine sinnvolle dezentrale Energiepolitik auf regionaler Ebene einsetze.
Anerkennenswert auch die Bemühungen um eine ökologische Energieerzeugung. Die Fair-Energie habe Initiativen gestartet, die in früheren Jahren undenkbar waren, etwa die Stromerzeugung in modernen Blockheizkraftwerken (BHKWs) und Wasserkraftwerken.
Nicht genug des grünen Lobs. Ausdrücklich anerkennen die Grünen die Einführung neuer Produkte mit ökologischer Zielrichtung wie den Öko-Mix-Strom, Echaz-Strom, Biogas, den Fairgas plus-Tarif und die so genannte Wohlfühlwärme. Bei letzterer handelt es sich um ein Contracting-Modell, bei denen der Kunde lediglich die bereitgestellte Wärme, nicht aber die Investition bezahlt.
Gerade von solchen Contracting-Modellen versprechen sich die Grünen eine ökologische Zukunft. Der Kunde bezahlt praktisch den alten Tarif weiter, die Fair-Energie als Anbieter investiert in die Hardware und profitiert vom den geringeren Energiekosten moderne Geräte. So jedenfalls die Vorstellung der Grünen, die sich dafür einsetzen, dass Stadtwerke und Fair-Energie immer mehr zu Dienstleistern avancieren und als Contracting-Partner Anbieter von Licht, Wärme und Kälte auftreten – nicht nur von Energie.
Ausdrücklich loben die Grünen, dass sich der Anteil der Eigenstromerzeugung durch BHKWs erhöht und sich die Fair-Energie das Ziel gesetzt hat, den Gomaringer Ortsteil Stockach in ein Bio-Energie-Dorf umzuwandeln. – Und gut kommt die Entscheidung an, die Betriebskantine mit Bio-Lebensmitteln aus regionaler Produktion zu beliefern.
Freilich haben nach Ansicht der Grünen auch die politischen Rahmenbedingungen ihren Anteil an dem Wandel. Für Stadtrat Rainer Buck sind es gesetzliche Änderungen und der „tiefgreifende gesellschaftliche Wertewandel“ – ein bisschen aber auch „der lange Atem der grünen Kommunalpolitik“. Manches, was man heute als selbstverständlich ansehe, sei von den Grünen schon frühzeitig thematisiert worden.
Zwei gewichtige Kritikpunkte haben die Grünen allerdings: Zwar sei der Atomstromanteil von über 50 Prozent auf jetzt 44 Prozent zurückgegangen – „aber immer noch viel zu hoch und der Anteil der Eigenstromproduktion viel zu niedrig“. Und was sie besonders ärgert: Die Beteiligung der Energieversorgung Baden-Württemberg (ENBW) an der Fair-Energie von 24,9 Prozent. Weil die ursprünglich vorhergesagten Synergieeffekte nicht eingetroffen seien und weil jährlich 2 bis 2,5 Millionen Euro in die Kassen der ENBW fließen, sollte man „nach Möglichkeiten suchen, diesen Anteil zu rekommunalisieren“.
Schließlich münden die energiepolitischen Positionen der Grünen in zwei Anträge an die Stadt.
Zum einen soll sich OB Barbara Bosch in der Gesellschafterversammlung der Stadtwerke dafür einsetzen, dass die erneuerbaren Energien im Sinne des Vereins Sonnen-Energie Neckar-Alb ausgebaut werden – also bis zu einem 100 Prozent-Anteil im Jahr 2030.
Zum anderen soll die Stadt Reutlingen die Aktion „Energie in Bürgerhand“ unterstützen und der gleichnamigen Genossenschaft betreten, die sich für ein umfassendes dezentrales alternatives Energiekonzept einsetzt.