Gesundheitstag: Dietrich Grönemeyer nahm Rückenschmerzen ins Visier
Turne bis zur Urne“ verkündete der „Rückenpapst“ Dietrich Grönemeyer den 1400 Zuhörern am Samstag in der vollbesetzten Stadthalle. Sogar Sozialministerin Katrin Altpeter kam extra kurz vom SPD-Parteitag in Heilbronn angereist.
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Fred Keicher
Reutingen. „Fit. Fitter. Rückenfit“ ist das Thema des Gesundheitstags, den der Landkreis Reutlingen und die Kommunale Gesundheitskonferenz veranstalten. Alarmierende Zahlen zitierte der Landrat Thomas Reumann bei seiner Begrüßung: Acht von zehn Deutschen haben Rückenbeschwerden, darunter sind immer mehr Kinder. Eine Herausforderung für das Gesundheitswesen, nannte das der Landrat. Vor allem weil 80 Prozent der Rückenschmerzen vermeidbar seien. Es gelte, die Prävention als vierte Säule im Gesundheitswesen zu verankern.
Dass der Landkreis Reutlingen bei der Gesundheitsvorsorge führend ist, vermerkte Reumann nicht ohne Stolz. Bereits 2010 hat er die er Kommunale Gesundheitskonferenz ins Leben gerufen. Ausgegangen sei man damals von ganz konkreten Bedürfnissen und habe für das Thema Hausarztversorgung Handlungsempfehlungen entwickelt. Abgeschlossen sei das nicht, im Moment stehen Überlegungen im Mittelpunkt wie man das Internet einbeziehen könne. Stichwort sei die Gesundheitstelematik. Aber schon arbeite man unter dem Titel „Gesunde Gemeinde“ an einem Zertifizierungsprogramm, das einzelne Gemeinde nach Kriterien der Familienfreundlichkeit, Lebensqualität und gesunder Tourismus einstufen soll.
„Das Angebot ist schon was Besonderes. Da kann man einen Parteitag mal unterbrechen“, lobte SPD-Landessozialministerin Katrin Altpeter die Reutlinger Vorreiterrolle in Sachen Kommunaler Gesundheitskonferenzen. Zwei Drittel der Landkreise im Land sind dem Vorbild gefolgt. Gesundheitsprävention sei „gleichberechtigt als vierte Säule im Gesundheitssystem neben Kuration, Pflege und Rehabilitation“. Die grün-rote Landesregierung habe in ihren Bemühungen, das Gesundheitssystem zukunftsfähig zu machen, nach 2011 zurückgreifen können auf bereits bestehende Strukturen, wolle aber eine „Plattform für Beratung, Vernetzung und Steuerung“ einrichten. In diesem Zusammenhang lobte Altpeter die „Vernetzungsfunktion der kommunalen Gesundheitskonferenzen“.
Dann machte es Professor Grönemeyer (im Bild) ganz konkret. Überlebensgroß war hinter ihm ein muskulöser Rücken an die Saalbühne projiziert, Blick frei auf die Hauptproblemzone der Deutschen. Etwa 200 Knochen habe der Mensch, sagte Grönemeyer, das entspricht etwa 15 Prozent des Körpergewichts. Zusammengehalten würden sie durch Bänder und durch Muskeln bewegt. Fast unendlich viele Bewegungen seien möglich. Zu einigen einfachen Übungen forderte er gleich auf. Die Hände über dem Kopf schütteln, auf der Stelle laufen oder sich nach unten bücken, ja ganz nach unten, was vielen erst im zweiten Anlauf gelang.
Etwas begreifen, sagte Grönemeyer seinem Publikum, bedeute ja ursprünglich, etwas mit den Händen zu bearbeiten. Das gelte ja für die Medizin, hier pries Grönemeyer die heilende Handarbeit von Masseuren, Physiotherapeuten und Osteopathen etwa. Ärzten gegenüber ist er eher misstrauisch. „Die Orthopädie ist geschluckt worden von Unfallchirurgen.“ Die wollen nur operieren, auch da, wo es gar nichts bringt. Am Beispiel der Bandscheibenvorfälle machte Grönemeyer, das deutlich, „wenn es einem reinfährt, dann gelähmt ist und dann operiert wird“. „Oder umgekehrt“ schob er nach und die ganze Stadthalle brach in Gelächter aus. „Du bist dein eigener Heiler, die Ärzte sind nur Helfer“, zitierte er eine Maxime des Paracelsus.
„Wir sind wieder auf dem Weg zum Vierfüßlerstand“, kritisierte er die Bewegungsarmut in unserer Gesellschaft. Das fange schon bei den Kindern an, die in der Schule still sitzen müssen, vom Mama-Taxi gefahren werden und dann noch vier, fünf Stunden vor dem Computer hocken. Kein Wunder dass die Mehrzahl Rücken- und Kopfschmerzen hat, kaum ein Kind noch auf einem Bein balancieren kann. „Turne bis zur Urne“ war Grönemeyers bewegte Botschaft. Möglichkeiten gebe es viele, Treppensteigen, Wasserflaschen stemmen, den Schreibtisch als Turngerät benutzen. Ernährung war da auch ein Thema, denn so Grönemeyer ironisch: „Wer sich nicht bewegt, hat auch viel Hunger.“
„Die schönste Bewegung aber ist das Tanzen“, sagte der Professor. Im Hirn lägen die Bewegungszentren ganz nah bei den Hörnerven, sich nach Musik bewegen sei das Natürlichste. „Wir Reutlinger müssen ja nicht gleich Brasilianer werden“, nahm der Landrat die Anregung auf, aber das Thema des nächsten Gesundheitstags könne durchaus sein: „Reutlingen tanzt“.
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