Am Freitag stattete Werner Kieser seinem Studio in Reutlingen einen Besuch ab, erzählte vor über 200 Gästen von seinen Methoden, den Kraftmaschinen und bei einem TAGBLATT-Gespräch, wie alles gekommen ist.
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Bernd Ulrich Steinhilber
Werner Kieser führt ein Unternehmen, dessen Umsatz zuletzt mit 160 Millionen Franken angegeben wurde. 275.000 Kunden weltweit spannen sich in seine Maschinen und verlassen die Studios anschließend glücklicher als sie gekommen sind. Und sie kommen immer wieder. In mehr als 150 Fitnessstudios werden sie nach einer Philosophie angeleitet, die sich in einem Satz zusammenfassen lässt: „Der Mensch wächst am Widerstand.“
Werner Kieser am Freitag in seinem Reutlinger Studio: „Beim Krafttraining verliere ich keine Muskeln – und das sieht gut aus.“Bild: Haas
Diese Überzeugung hat den heute 73-jährigen Schweizer bekannt und reich gemacht – aber auch zu einem nachdenklichen Menschen. Den Kopf meist leicht nach links geneigt, auf den Lippen anfänglich ein ironisches Lächeln, wartet er auf die Fragen nach seinem Erfolgsrezept – und beantwortet diese von Fall zu Fall mit gestanzten Wendungen: „Ich arbeite, bis ich vom Stuhl falle“ oder „so lange, bis mir der Tod das Werkzeug aus der Hand nimmt“. Oder: „Nach 25 geht es bergab. Die Evolution hat kein Interesse, dass wir älter als 25 Jahre werden. Das ist unser Verfallsdatum – wenn Sie nichts tun.“ Oder: „Wenn sie abnehmen wollen, joggen die Leute und verlieren Muskelmasse. Danach sehen sie schlechter aus als vorher.“ Oder: „Beim Krafttraining verliere ich keine Muskeln – und das sieht gut aus.“ Das ist Kieser, der Fitness-Guru.
Aber da gibt es noch einen anderen. Kieser studiert Philosophie an der Open University, hat den Bachelor gemacht und schreibt gerade an der Abschlussarbeit mit dem freilich noch vorläufigen Titel: „Methodologischer Individualismus – trivial, aber wahr“.
Das verlangt nach einer Erklärung, zumal im TAGBLATT-Gespräch anklingt, dass das Thema gar nicht so weit von Kiesers „Wachsen am Widerstand“ weg ist. Tatsächlich geht es darum, soziale Phänomene als absichtsgeleitetes Handeln zu verstehen und nicht aus Konstrukten wie der sozialen Klasse, Gruppen, Ethnien oder Nationen. „Wir müssen die sozialen Phänomene auf das Individuum herunterziehen“, erklärt er sein Projekt als „Gegenteil soziologischer Analysemethoden“. Die ,Deutsche Ideologie‘ von Marx, sagt er, sei „eine Betrachtungsweise vom Mars“. Und weiter: „Wir müssen wissen, was in den Köpfen passiert.“
Das klingt schon wieder so pragmatisch, wie die Vita des Fitness-Unternehmers, der sich sein erstes Studio vor über 40 Jahren aus vier Tonnen Schrott gegen den Zeitgeist und finanzielle Widerstände selbst zusammengebaut hat. „Was heute normal ist, war damals etwas für Verrückte wie seinen Freund, den früheren „Mister Germany“ Peter Gottlob. Der eröffnete 1960 in der Stuttgarter Heilbronner Straße ein Studio und beeindruckte damit den jungen Schweizer. „Da wusste ich: Das ist meine Zukunft.“ Zumal Kieser selbst schon Erfahrungen mit Hanteln gemacht hatte. Nach einem Unfall beim Boxen trainierte er sich in zwei Wochen mit Gewichten die Schmerzen einer Rippenfellentzündung weg. Ein Erfolg nach harter Arbeit.
Wellness, das mag er nicht. Auch er hatte sich einmal darin versucht, erfolgreich Kraftmaschinen in einem Ambiente von Sauna, Whirlpool und Saftbar zu etablieren. „Doch es wurde mir immer unbehaglicher dabei. Die Leute liegen doch nur herum“, stellte er fest und handelte danach: „Ich habe alles hinausgeschmissen und das ursprüngliche Konzept wieder eingeführt“, was ihm ein Drittel seiner Kundschaft nicht verzieh. Erst nach einer Durststrecke „kamen irgendwann wieder die Leute“. Seitdem geht es mit dem Kieser-Training bergauf. „Unser Angebot ist schmäler, aber tiefer“, fasst er, der selbst zweimal wöchentlich 30 Minuten trainiert, sein Rezept zusammen. Hart, aber kurz, sagt Kieser. „Der Effekt liegt in der Intensität, nicht in der Dauer.“
Werner Kieser und sein Unternehmen
Werner Kieser gründete 1967 das Unternehmen und hat heute die Funktion des Verwaltungsratspräsidenten inne. In der Forschungsabteilung beteiligt er sich an der Entwicklung neuer Maschinen, wie zuletzt der Beckenbodenmaschine, einer Weltneuheit. Zu seinen Aufgaben zählt außerdem die Repräsentation des Kieser-Trainings. Das Unternehmenist eine nicht börsennotierte AG nach Schweizer Recht. Von 140 Fitnessstudios werden 20 unmittelbar, der Rest auf Franchise-Basis betrieben. InDeutschland sind es 120 Standorte. 2010 betrug der Umsatz über 160 Millionen Franken.
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