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Brückenschlag – ohne Abrissbirne in der Birne

Gemeinderat will den „Stummelsteg“ mit einer provisorischen Rampe

Für die einen war es eine „Sternstunde des Rats“, andere hatten das Gefühl, einen „kleinen Patzer“ auszubügeln oder gar einen Schildbürgerstreich zu begehen. Der Reutlinger Gemeinderat diskutierte gestern Abend knapp eineinhalb Stunden über den Steg vor dem Tübinger Tor und entschied sich dann für den Teilabriss und eine provisorische Rampe.

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Matthias Stelzer
Der Fußgängersteg vor am Bruderhausgelände wird zum Teil fallen: Der Abschnitt, der vom ... Der Fußgängersteg vor am Bruderhausgelände wird zum Teil fallen: Der Abschnitt, der vom Tübinger Tor aus die Zufahrt zum Omnibusbahnhof ZOB überspannt (1), wird bis Ende März abgerissen. Die Querung der Konrad-Adenauer-Straße (2) wird vorläufig erhalten und mit einer provisorischen Rampe versehen. Bild: Grohe

Reutlingen. Die Baustelle vor dem Tübinger Tor kann eingerichtet werden. Der Reutlinger Gemeinderat verschaffte sich gestern eine Verschnaufpause im Ringen um die richtige Lösung für einen Fußgängersteg zwischen Nordstern-Gebäude und Altstadt. Das Gremium stimmte mit großer Mehrheit dafür, die bisherige Fußgängerbrücke nur zum Teil zu erhalten.

Mit Gestaltungskraft und gewisser Heftigkeit

Entgegen anderslautender Vorschläge der Grünen, der RSÖ und des CDU-Abweichlers Ernst-Ullrich Schmidt wurde beschlossen, den Stegteil zwischen Bruderhausgelände und Tübinger Tor in den kommenden Wochen abzureißen. Der Teil der Brücke, der die Konrad-Adenauer-Straße überspannt (Stummelsteg), soll vorläufig erhalten und mit einer provisorischen Rampe versehen werden, die nicht mehr als 250 000 Euro kosten darf. Danach soll überlegt werden, wie eine Fußgängerquerung endgültig aussehen könnte. Im Gespräch ist dabei, wie von der CDU vorgeschlagen, auch ein ganz neuer Steg, der auf der Altstadtseite in der Grünanlage neben dem Tübinger Tor enden könnte.

Vorgegeben hatte diese Richtung ein interfraktioneller Antrag von CDU, SPD, FWV, FDP und WiR, der am Montagabend auf den letzten Drücker vereinbart worden war. Die Grünen hatten sich an den Gesprächen über eine gemeinsame Lösung nicht beteiligt. Die neue RSÖ-Fraktion hatte in Person von Thomas Ziegler zuerst beklagt, sie sei zum Gespräch nicht eingeladen gewesen, sich danach dann aber korrigiert: „Leider ist die Einladung zu uns erst recht kurzfristig durchgedrungen“, klagte Peter Hörz – und kassierte dafür einen Zwischenruf von CDU-Rat Karsten Amann: „Wie zu allen anderen eben auch.“

Die Fraktionen, die sich für den gemeinsamen Antrag gefunden hatten, bewerteten die abgelaufenen Debatten derweil sehr unterschiedlich. Rainer Löffler (CDU) betonte, der Gemeinderat habe mit dem interfraktionellen Antrag seine „Gestaltungskraft bewiesen“. Der Konsens ermögliche es nun, andere Lösungsmöglichkeiten zu suchen, die den Bürgern gerecht würden. Dass die Grünen sich bewusst nicht an den Gesprächen beteiligt haben, nannte Löffler „fast einen Affront gegenüber den anderen Fraktionen“.

Verstehen wollte die Grünen auch der SPD-Mann Jo Schempp nicht. Als einer der Initiatoren des Steg-Protest schlug er aber auch selbstkritischere Töne an: Man sei jetzt zwar auf der Zielgeraden, aber klar sei auch, „dass wir die eine oder andere Kurve auf dem Weg nicht nochmal machen würden“. Nach der mit „gewisser Heftigkeit“ geführten Diskussion stelle der Antrag nun aber eine Pause sicher, in der man „ohne Abrissbirne in der Birne“ planen könne. Und dann schrieb Schempp seinen Kollegen aus den anderen Fraktionen noch etwas ur-sozialdemokratisches ins Stammbuch: „Es ist gut und bringt was, wenn wir schreiten Seit’ an Seit’.“

Jürgen Fuchs von den Freien Wählern sprach im Zusammenhang mit dem Steg von einem „kleinen Patzer“ des Gemeinderats. „Die FWV hat auf die Weisheit der Verwaltung vertraut und ist dann in die rampen lose Irre geführt worden“, sagte er. Seine Fraktion hätte sogar gerne gegen den Abriss gestimmt, wenn dann nicht Abstandszahlungen und eine Verzögerung der Sanierung der Katharinenstraße (durch die vom Steg noch verbaute geplante Fernwärmetrasse) gedroht hätten. Den gemeinsamen Antrag nannte Fuchs trotzdem eine „Sternstunde des Rats“ und schloss frei nach Prophet Jeremia: „So bessert nun eure Wege und euer Tun.“

Nach biblischem Zierrat war Rainer Buck indessen nicht mehr zumute. Der Fraktionssprecher der Grünen sagte: „Bevor der Steg vor dem Tübinger Tor abgerissen wird, muss eine Konzeption vorhanden sein.“ Dabei sei den Grünen vor allem die Barrierefreiheit wichtig – nicht nur bei der endgültigen Lösung, sondern auch schon bei der provisorischen Rampe. Dem Vorschlag der Verwaltung, eine vorläufige (Rollstuhl-)Auffahrt mit zehn statt den DIN-normierten sechs Prozent Steigung zu bauen, könnten er und seine Kollegen deshalb nicht folgen. Ebenso wenig dem interfraktionellen Antrag, der genau das ja auch vorsehe. Die Vorwürfe seiner Vorredner, die grünen verweigerten sich konstruktiver Ratsarbeit, wies Buck zurück: „Man kann von uns nicht verlangen, dass wir Dinge unterschreiben, die wie anders sehen.“

Julius Vohrer von der FDP, der mit seinem Prüfantrag auf Abriss die Debatte um den Steg letztlich ausgelöst hatte, zeigte sich mit der jüngsten Entwicklung sehr zufrieden: „Unser Anliegen war immer eine möglichst gute Lösung. Deshalb haben wir jetzt auch kein Problem uns dem gemeinsamen Antrag anzuschließen.“ Und so hielt es auch die WiR-Fraktion, für die Hans Wucherer der Verwaltung ein „großes Lob“ aussprach. „Mit dem Provisorium haben wir jetzt schon eine Verbesserung gegenüber der aktuellen Situation“, sagte er.

Mit Psalmzitat und Schildbürger-Witz

Ganz anders sah man das bei der RSÖ. Peter Hörz sprach sich für jüngste Fraktion „explizit“ gegen ein neues Provisorium aus, weil der bestehende Steg in seinen Augen schon ein solches darstellt, „das seinen Zweck leidlich erfüllt.“ Der Steg müsse stehen bleiben, bis geklärt sei, „wo die Reise letztlich hingeht.“ Er habe sich bei früheren Debatten auch nie vorstellen können, dass die Verwaltung „am Ende des Weges lediglich eine Treppe anbietet“.

Zumindest in ihrem Anliegen, den Steg bis zur abschließenden Planung zu erhalten, fanden RSÖ und Grüne in Ernst-Ullrich Schmidt einen Mitstreiter. Der CDU-Mann und Pfarrer im Ruhestand begegnete den klaren Mehrheitsverhältnissen im Rat mit einem einzigen Wort aus den Psalmen: „Dennoch“. Er sprach sich gegen ein „viel zu teures Provisorium“ aus – und zitiert dann – sichtlich zum Missvergnügen seiner CDU-Kollegen – genüsslich aus dem Bedeutungswörterbuch. Angetan hatte es ihm der Begriff Schildbürger und die Erklärung: „Jemand, der beim Bau (bei der Planung) von etwas, etwas selbstverständliches übersieht.“

Trotz dieser Mahnung hätte man bei den abschließenden Abstimmungen die Gegner des interfraktionellen Antrags fast übersehen.

01.02.2012 - 12:30 Uhr

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