Als Fußballexoten unterwegs zur WM
Eine-Welt-Philosophie beim Epiz-Schulwettbewerb
Pakistan hat bei der Fußball-Weltmeisterschaft gute Chancen auf den Titel. Das allerdings nicht in Südafrika, sondern in Kiel bei der Meisterschaft des Schulwettbewerbs „Eine Lebenswelt“.
Katharina Mayer
Reutlingen. Noch zwei Wochen sind es bis zur Endrunde. Gut tausend Schüler, 32 Mannschaften, werden dann in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt einfallen, um die Endrunden des alternativen Fußballturniers zu bestreiten. Vier Mannschaften aus Baden-Württemberg, darunter eine aus Reutlingen, haben es bis in die Endauswahl geschafft.
Rainer Schwarzmeier, Mitarbeiter des Entwicklungspädagogischen Informationszentrums Reutlingen (Epiz) und in Süddeutschland für die Koordination des Wettbewerbs zuständig, zieht bislang eine positive Bilanz. Und das trotz des unerwartet hohen Verwaltungsaufwandes. „Die schlaflosen Nächte lohnen sich“, schmunzelt Schwarzmeier. Vor allem angesichts der Begeisterung, die die Teams teilweise mitgebracht haben. „Da sieht man irgendwo doch die Wichtigkeit dieses ganzen Aufwandes.“ Nicht ohne Zusatzarbeit verliefen die Vorrunden auch für die Schüler. 204 Schulen bundesweit haben an der Lebensweltmeisterschaft teilgenommen – genauso viele Mannschaften also wie bei der „richtigen“ WM.
Es zählt nicht nur die sportliche Leistung
Im Gegensatz zu letzterer ziehen bei der alternativen Meisterschaft aber Fußball-Exoten in die letzte Runde ein: St. Vincent und die Grenadinen in der Karibik zum Beispiel, Neukaledonien, Myanmar (das ehemalige Burma). Denn jede Schule vertritt ein Land. Pakistan etwa wird von einer Mannschaft des Reutlinger Isolde-Kurz-Gymnasiums repräsentiert. Eine Besonderheit der Lebensweltmeisterschaft ist, dass entgegen den üblicherweise im Fußball herrschenden Regeln eben nicht nur die sportliche Leistung zählt. Zu „fünfzig Prozent plus X“, so Schwarzmeier, spielte auch Gehirnjogging eine Rolle.
Die Jugendlichen waren gefordert, sich mit den Lebensrealitäten ihrer Altersgenossen im zugelosten Land auseinanderzusetzen und die Ergebnisse auf einem Plakat zu präsentieren. Wichtigstes Kriterium war, ob und wie sich die Jugendlichen hier mit den Jugendlichen dort vernetzt hatten. Der Kontakt kam nicht zuletzt über die Botschaften der jeweiligen Gastländer zustande, gelegentlich bekamen die Schüler dann ihrerseits Besuch von den Landesvertretern.
Eine „sehr spannende und aufregende Geschichte“ für die jungen Leute, wie Schwarzmeier betont. Ob der Kontakt zu Jugendlichen im vertretenen Land auch wirklich zustande kam und genutzt wurde, sieht man den derzeit im Reutlinger Epiz gelagerten Plakaten an. Manche überborden vor Information und Ideen, andere sind eher lieblos zusammengeschustert. In den Vorrundenturnieren schieden folglich auch Mannschaften aus, die von der sportlichen Leistung her gewonnen hätten. Aber: „Ihr Plakat war einfach zu schlecht.“
Auffällig ist die hohe Qualität der Plakate bei den teilnehmenden Haupt- und Förderschulen. Speziell diese Schularten waren im Sinne der „inklusiven Bildung“ aufgefordert, sich am Wettstreit mit Schülern aller Schularten zu beteiligen – sie stellten am Ende fast die Hälfte der Teilnehmer.
Auch globale Konflikte sind ein Thema
Und „die beiden Siegerplakate sind von Förderschulen“. Nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat sich dagegen so manches allzu siegessichere Gymnasium: „Die haben das an einem Nachmittag ’runtergerotzt“, konstatiert Schwarzmeier. Und das reiche eben nicht.
Doch nicht nur die Länder, sondern auch globale Konflikte ließen sich über das Fußball-Spiel abbilden. „Wir haben gar nicht überlegt, was für eine Brisanz in manchen Ländern drin ist“, sagt Schwarzmeier und erzählt von Israel, das ausgerechnet einer Klasse mit vielen Palästinensern zugelost wurde. Die Schüler aber hätten das Los kurzerhand als „Chance gesehen, dass sie sich auch mal mit der Problematik aus Sicht Israels auseinandersetzen können.“
Mit ganz anderen Problemen haben dagegen die Organisatoren zu kämpfen. „Wir bräuchten eine zusätzliche Finanzierung“, sagt der Koordinator. Rund eine halbe Million Euro hat das Projekt bislang verschlungen, einen großen Anteil davon refinanziert die Aktion Mensch. Auch die anderen Geldgeber kann Schwarzmeier problemlos der Reihe nach aufzählen: „Ich schlafe mit diesen Zahlen ein“, meint er lapidar. Trotzdem ist noch eine Finanzierungslücke von gut 15 000 Euro zu schließen. Aber jetzt, sagt Schwarzmeier, zählt erst einmal das Turnier. „Was danach kommt, ist für uns noch so ein schwarzes Loch.“