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Kommentar

Die meisten feiern, weil die meisten feiern

Tausende auf den Beinen, wummernde Bässe und Musik in den Straßen – würde man Palmen und Strände in die Kulisse schieben, der Heiligmorgen in Reutlingen könnte auch eine Beach-Party an der Copacabana sein oder in machen Ecken der „Schinkenstraße“ auch ein Klassentreffen am Ballermann.

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Fast passt das Bild: Nur Mützen und Schals würden stören und der Glühwein zulange warm bleiben. Aber eigentlich geht es an Heiligmorgen ja auch nur darum, all die Leute zu treffen, die hier aufgewachsen sind und jetzt vom Wohnsitz in Irgendwo nach Reutlingen zurückkehren, um mit den Eltern Weihnachten zu feiern. Bevor die Familie an den Baum ruft, trifft man sich, tauscht die wichtigsten Neuigkeiten aus, stößt an.

Das klingt unspektakulär, da es solche Rituale am 24. Dezember auch in anderen Städten gibt. Dennoch ist das, was sich seit einigen Jahren in der Oberamteistraße (im Party-Volksmund eben jene „Schinkenstraße“) und schon Jahrzehnte vor dem „Rappen„ und der „Kaiserhalle“ abspielt, ein Reutlinger Phänomen. Die Masse macht’s.

„Die meisten Leute feiern Weihnachten, weil die meisten Leute Weihnachten feiern,“, stellte der Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky einst fest. Eine Analyse, die sich eins zu eins auf den Reutlinger Altstadtrummel zum Festauftakt übertragen lässt. Heiligmorgen ist Mainstream.

Immer mehr Gastrobetriebe versuchen, auf den umsatzträchtigen Trend aufzuspringen. Zum Ständerling in den Straßen und Gassen fühlen sich inzwischen auch nicht mehr ganz so junge Reutlinger berufen. Die Vertreter/innen des Mittelalters trennen sich allerdings strikter auf als die Jugend in der „Schinkenstraße“: Die Fraktion in Chanel Nr. 5 und Echtpelz kommt vorm „Café Winkler“ zu stehen.

Angegraute Bluesrocker mischen sich – alles andere als unauffällig – ins eigentlich ganz schön junge Publikum des „Kaiserhallen“-Kohla. Und „Diadiaemmerdohogged“ stehen ausnahmsweise – vor dem „Rappen“ in der Oberen Gerberstraße oder dem „Vis-à-vis“ in der Oberen Wilhelmstraße. Die Prachtexemplare an den zuletzt genannten Locations können dabei – Pi mal Daumen – schon auf etwa 30 Jahre Party-Routine verweisen. Anfang der 80er-Jahre zog es den Heiligmorgen nämlich auf die Straßen der Stadt.

Vielleicht ist es deshalb nun an der Zeit, das öffentliche Trinken und Quatschen vor der Bescherung offiziell zum modernen Reutlinger Weihnachtsbrauch auszurufen. Die Tradition steht zugegebenermaßen etwas im Gegensatz zu jenem Besinnlichkeitsanspruch, den man mit Weihnachten verbindet.

An Heiligmorgen waren auch heuer wieder etliche Teilnehmer/innen zu sehen, deren Zustand am ehesten mit dem Wort besinnungslos zu umschreiben ist. Trotzdem widersprach der Brauch laut Reutlinger Polizei einem wichtigen weihnachtlichen Attribut nicht: Der Frieden auf Erden blieb auch auf der Partymeile gewahrt. Bleibt also nur zu hoffen, dass der Alkoholausschank an Heiligmorgen am Abend nicht zu viele Feierlaunige in den geschmückten Baum stolpern ließ.

Matthias Stelzer

27.12.2011 - 08:30 Uhr | geändert: 27.12.2011 - 08:52 Uhr

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